News | Corporate | Gütersloh, 19.04.2018

Viele Fortschritte, aber noch genug zu tun

Liz Mohn (Mitte) mit Barbara und Sebastian Menke. Die Familie hat nach Barbara Menkes Schlaganfall im Januar 2017 gemeinsam darum gekämpft, wieder in ein normales Leben zurückzufinden.

Barbara Menke aus Oelde erlitt vor einem Jahr einen Schlaganfall – und führt heute dank rascher Versorgung wieder ein fast normales Leben. Die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe hat viel dazu beigetragen.

Ihr Mann und ihre beiden kleinen Töchter saßen schon im Auto. An diesem sonnigen Wintertag im Januar 2017 plante die Familie Menke aus Oelde einen Ausflug – als Barbara Menke noch einmal ins Haus zurückkehrte. „Ich wollte noch kurz eine Tablette einnehmen, weil ich starke Kopfschmerzen bekam“, berichtet sie heute, gut 15 Monate später. Und dann ging alles sehr schnell: Im Badezimmer brach sie plötzlich zusammen. Ihr Mann Sebastian schaute zum Glück nach wenigen Minuten nach, wo sie geblieben war, und fand sie auf dem Boden liegend. „Ich habe versucht, sie aufzurichten, was mir aber nicht gelang. Ziemlich schnell bin ich dann auf den Gedanken gekommen, dass meine Frau gerade einen Schlaganfall erlitten hatte“, erinnert er sich. Vielleicht half ihm bei dieser Entscheidung sein Vorwissen: Als Geschäftsführer des Kiebitzhofs in Gütersloh hat er täglich mit Menschen mit und ohne Behinderung zu tun. Jedenfalls rief er sofort über die 112 den Rettungsdienst – und machte damit alles richtig. Nur wenige Minuten später traf der Notarzt ein, leitete erste Maßnahmen ein, bevor Barbara Menke ins Gütersloher St.-Elisabeth-Hospital transportiert wurde. Das Krankenhaus verfügt über eine sogenannte „Stroke Unit“, eine auf Schlaganfall-Patienten spezialisierte Notfallversorgung. Dass es diese Behandlung in dieser Form gibt, ist ein Ergebnis der Arbeit der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe, die vor 25 Jahren von Liz Mohn gegründet wurde.

Auf das Thema aufmerksam machen

Denn dass Barbara Menke nach ihrem Schlaganfall so schnell und so professionell behandelt wurde, hat entscheidend dazu beigetragen, dass sie ihren Mann und ihre beiden Kinder – wenn auch Wochen später – wieder in den Arm nehmen und normal mit ihnen sprechen konnte. Die Halbseitenlähmung verschwand nach und nach, auch das stark beeinträchtigte Sprechen fiel ihr rasch nicht mehr so schwer. Zudem konnte sie ab Oktober 2017 schrittweise auch wieder ihre Arbeit als Verwaltungsangestellte im Jugendamt der Stadt Oelde aufnehmen. – Eine Erfolgsgeschichte, wie sie vor nicht allzu langer Zeit kaum denkbar gewesen wäre. Und die die heute 37-Jährige darum auch gern wie kürzlich bei einem Pressegespräch anlässlich des Jubiläums der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe im St.-Elisabeth-Hospital erzählt. Zusammen mit ihrem Mann – und auch den Töchtern Tilda, drei, und Amelie, sechs Jahre alt – nimmt sie gern an dieser öffentlichen Veranstaltung teil, um auf das Thema Schlaganfall aufmerksam zu machen.

„Früher war ein Schlaganfall eher ein Tabuthema“, berichtet Liz Mohn im Rahmen des von Frauke Ludowig moderierten Gesprächs – nicht zuletzt aus eigener Erfahrung. Ein Zeckenbiss hatte nämlich bei ihrem damals 14-jährigen Sohn zu schlaganfallähnlichen Symptomen geführt. „Aber gesprochen hat damals niemand darüber, es war kein Thema, weil man nichts machen konnte außer einfach abzuwarten“, so Liz Mohn. In der Tat hätten die Krankenhäuser früher die Schlaganfall-Patienten einfach verwahrt, bestätigt Dr. Stephan Pantenburg, Geschäftsführer des St.-Elisabeth-Hospitals und bedankt sich für das persönliche Engagement Liz Mohns, ein, wie er es formuliert, „äußerst sinnstiftendes Vorhaben“. Denn als ein Neurologe sie fragte, ob sie die Schirmherrschaft über eine Stiftung übernehmen könnte, die sich dieses „Stiefkindes“ der Medizin annehmen sollte, zögerte sie nicht lang und gründete die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe mit Mitteln aus ihrem Privatvermögen. Am 29. Januar 1993 erhielt die Stiftung vom Innenminister des Landes Nordrhein-Westfalen ihre offizielle Anerkennungsurkunde und nahm ihre Arbeit auf.

Projekt Schlaganfall-Lotsen

Dabei standen zunächst die Aufklärung der Bevölkerung über die Symptome eines Schlaganfalls und über das richtige Verhalten im Notfall sowie die Möglichkeiten der Vorsorge – gesunde Ernährung, Verzicht auf Rauchen und übermäßigen Alkoholgenuss, reichlich Bewegung – im Vordergrund. Gleichzeitig hatte sich die Stiftung zum Ziel gesetzt, die medizinische Versorgung von Schlaganfall-Patienten zu verbessern. Zum Beispiel durch die bessere Koordinierung verschiedener medizinischer und therapeutischer Maßnahmen; zudem wurden seither in vielen Krankenhäusern spezielle „Stroke Units“ gegründet. Vorhaben also, bei denen große Fortschritte gemacht wurden, Barbara Menke ist das beste Beispiel. Doch nach Ansicht von Liz Mohn und vielen Experten gelte es etwa für die Zeit nach der Reha noch viel zu tun, wenn die Patienten wieder nach Hause kommen und oftmals auf sich allein gestellt sind. Und dies in einer Zeit, in der die Gefahr eines zweiten, nicht selten schwereren Schlaganfalls groß ist.

Ein im Oktober 2017 in Ostwestfalen-Lippe (OWL) gestartetes Pilotprojekt der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe setzt genau hier an: die sogenannten Schlaganfall-Lotsen. Diese Fachleute aus dem pflegerischen, therapeutischen oder sozialarbeiterischen Bereich mit speziellem Wissen rund um das Thema Schlaganfall begleiten in sechs Kliniken Patienten, aber auch ihre Angehörigen, als persönliche Berater bei dem „Leben danach“ – von der Aufnahme in einer Stroke Unit bis zur ambulanten Nachsorge, bei Reha, Hilfsmitteln, Haushaltshilfen, Behördengängen. Zudem unterstützen sie bei der Umstellung des Lebensstils – für viele Patienten eine wichtige Vorsorgemaßnahme, um einen drohenden zweiten Schlaganfall zu vermeiden. Eine solche Schlaganfall-Lotsin ist Stefanie Feldmann. Noch im St.-Elisabeth-Hospital lernt Barbara Menke die Krankenpflegerin kennen, die ihr gut ein Jahr lang zur Seite stehen sollte. „Sie war sehr schwer von dem Schlag betroffen, hatte aber eine tolle Unterstützung durch ihre Familie. Das hat ihr viel Kraft gegeben und neben der medizinischen Versorgung zur raschen Genesung beigetragen“, ist die Schlaganfall-Lotsin überzeugt.

Psychische Folgen nicht unterschätzen

„Meine größte Sorge galt natürlich meinem Mann und meinen Kindern“, bestätigt Barbara Menke. „Wie sollte es zu Hause weitergehen? Mein Mann war ja voll berufstätig. Und was sollte dann werden, nach der Reha? Würde ich wieder arbeiten und Auto fahren können?“ Mit all diesen Fragen habe sie sich beschäftigt und in vielem Auskunft oder Rat von Stefanie Feldmann bekommen. „Man muss sich die Situation vorstellen: Als Mutter war ich nicht mehr in der Lage, mit meinen eigenen Kindern richtig zu sprechen oder sie auf den Schoß zu nehmen. Ganz zu schweigen davon, die vielen Dinge des Alltags zu meistern.“ Und obwohl ihr Mann Sebastian und dessen Mutter sowie die Caritas bei vielem unterstützen konnten: „Es hat schon geholfen zu wissen, dass es jemanden gibt, der jederzeit ansprechbar ist“, zeigt sie sich für den Einsatz der Schlaganfall-Lotsin dankbar.

Auf die medizinische Behandlung im Gütersloher St.-Elisabeth-Hospital folgten in ihrem Fall eine elfwöchige Reha mit Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie in Bad Oeynhausen, wo sie ihr Mann mit den Kindern zumindest am Wochenende besuchen konnte – für eine tägliche Fahrt war die Distanz einfach zu weit. Nach sechs Wochen durfte sie für das Wochenende nach Hause, auch das Laufen klappte bald wieder. Doch neben den vielen medizinischen und praktischen Dingen gebe es einen weiteren, nicht zu unterschätzenden Faktor, von dem eine große Zahl der Schlaganfall-Patienten betroffen sind: die psychischen Folgen einer solchen Krankheit. „Ich habe mir natürlich die Frage gestellt, warum ausgerechnet ich einen Schlaganfall bekommen habe“, erzählt Barbara Menke. „Ich habe nie geraucht und bin noch relativ jung. Dann aber bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich es nicht hätte verhindern können. Ich brauchte mir keine Vorwürfe zu machen, das hätte mir schließlich in der Situation auch nicht weitergeholfen. Das hat mir wiederum Kraft und Zuversicht gegeben, meine Krankheit so gut, wie es geht, zu bewältigen.“ Probleme bereiten ihr heute höchstens noch das Schreiben – sie ist Linkshänderin, die beeinträchtige Körperhälfte ist die linke – und das Schließen von Knöpfen und Reißverschlüssen.

„Wir dürfen nicht vergessen, dass ein Schlaganfall ein Schlag sowohl in den Körper als auch in die Seele ist“, erklärt Dr. Thomas Kloß, Chefarzt der Klinik für Neurologie am St.-Elisabeth-Hospital. „Oftmals gelingt es uns, die Patienten mittels schneller Behandlung noch am selben Tag im wahrsten Sinne des Wortes wieder auf die Beine zu stellen. Doch wie wir wissen, leidet später rund ein Drittel der Patienten an Depressionen, die auch den Genesungsprozess beeinträchtigen können.“ Teilweise könnten hier Antidepressiva helfen, vor allem aber komme es auf die Unterstützung aus dem privaten Umfeld an, wie es bei Barbara Menke zum Glück der Fall sei. Auch die Schlaganfall-Lotsen spielten eine entscheidende Rolle, ebenso wie die vielen weiteren ehrenamtlichen Schlaganfall-Helfer. Darüber hinaus schreitet parallel die Technik voran. So ist es nach Angaben von Thomas Kloß seit 2015 möglich, Blutgerinnsel im Gehirn auch mittels einer Katheterbehandlung zu entfernen. Erst vor ein paar Wochen hat sich das St.-Elisabeth-Hospital eine 1,2 Millionen Euro teure Angiographie-Anlage angeschafft, die diese Maßnahme mittels diagnostischer Bildgebungsverfahren ermöglicht. „Vor 25 Jahren verfügten wir noch nicht einmal über einen Computertomografen – das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen“, so Thomas Kloß.

Wissensaustausch mit anderen Ländern

Das mit vielen Partnern in OWL durchgeführte Schlaganfall-Lotsen-Projekt soll indessen vorangetrieben werden. „Zurzeit haben wir 14 Schlaganfall-Lotsen in der Region, die jeweils bis zu 80 Patienten betreuen – das ist noch nicht viel“, resümiert Liz Mohn. „Ich bin aber optimistisch, dass wir diese Zahl in enger Zusammenarbeit mit den Kliniken vor Ort nach und nach in ganz Deutschland ausbauen können.“ Langfristiges Ziel sei es, die Schlaganfall-Lotsen fest ins deutsche Gesundheitssystem zu integrieren, also eine Übernahme der Kosten für Schlaganfall-Lotsen durch die Krankenkassen zu erreichen. Auch der Wissensaustausch mit angrenzenden Ländern wie Österreich, die Schweiz und die Niederlande stünden auf der Agenda, so Liz Mohn.

Insgesamt zeigt Liz Mohn sich mit der Arbeit der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe in den vergangenen 25 Jahren sehr zufrieden. Es sei gelungen, die Öffentlichkeit über das Thema aufzuklären und die Ärzte an einen Tisch zu bringen. An mehr als 300 Krankenhäusern gebe es inzwischen Schlaganfall-Spezialstationen, rund 450 Selbsthilfegruppen hätten sich mit Unterstützung der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe bundesweit gegründet. Zusammengerechnet habe die Stiftung bis heute rund 60 Millionen Euro für Projekte zur Verbesserung der Schlaganfall-Versorgung aufgewandt. „Viele der Patienten können inzwischen nach ihrem Schlaganfall wieder ein weitgehend normales Leben führen“, sagt sie. „Ich freue mich, wenn wir den Betroffenen und ihren Familien helfen konnten. Doch wir haben auch noch eine Menge Arbeit vor uns.“

Rosenball in Berlin

Diese wird am 5. Mai auch bei dem Rosenball in Berlin noch einmal ausführlich gewürdigt. Bei der großen, alle zwei Jahre ausgerichteten Spendengala zugunsten der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe dreht sich diesmal alles um das 25-jährige Jubiläum der Stiftung. Auf Einladung von Liz Mohn und Bertelsmann werden wieder rund 600 prominente Gäste aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur zu Gast sein (das BENET berichtete). Die Spenden, die im Rahmen der Gala gesammelt werden, sollen vor allem in eine verbesserte Nachsorge für Schlaganfall-Patienten fließen. Dazu zählen Projekte wie Schlaganfall-Lotsen, ehrenamtliche Schlaganfall-Helfer und innovative Selbsthilfegruppen, die Schlaganfall-Betroffenen den Weg zurück ins Leben erleichtern.