News | Hamburg, 11.04.2022

„Journalismus ist relevanter denn je“

Vor dem Club Hamburger Wirtschaftsjournalisten sprach Thomas Rabe über die Konsolidierung der europäischen Medienmärkte, die aktuelle Lage von Bertelsmann und die „Boost 25“-Strategie. Der Club gilt als größte wirtschaftspublizistische Vereinigung Deutschlands und zählt rund 190 Mitglieder.

„Wir stehen mit den globalen Plattformen in allen Dimensionen im Wettbewerb: um Formate, Talente, Reichweite, Werbung und Abonnenten. Um in diesem Wettbewerb zu bestehen, ist Größe von entscheidender Bedeutung.“ Mit diesen Worten richtete sich Thomas Rabe am Freitagvormittag an die Mitglieder des Clubs Hamburger Wirtschaftsjournalisten. Auf Einladung der größten wirtschaftspublizistischen Vereinigung Deutschlands sprach der Bertelsmann-CEO über die Konsolidierung auf den europäischen Medienmärkten – und ganz konkret über die Schaffung nationaler Media Champions, die Antwort von Bertelsmann auf diese Herausforderung.

Wirtschaftsjournalisten großer Tageszeitungen, des Norddeutschen Rundfunks und anderer Print- wie Online-Medien waren der Einladung des 1991 gegründeten und 190 Mitglieder zählenden Clubs gefolgt, um mit Thomas Rabe zu diskutieren. Bevor er in seinem Eröffnungsstatement zum eigentlichen Thema kam, ging Rabe jedoch auf den alles dominierenden Krieg in der Ukraine ein. Er sprach von einer „Erschütterung im Herzen Europas, die mit Worten kaum zu fassen“ sei. Doch habe der Krieg zugleich „das Bewusstsein geschärft, welches Glück wir haben, in Freiheit zu leben, in einer Demokratie, in der Meinungen frei geäußert werden dürfen, und in einer Gesellschaft, in der wir uns entfalten können“. Rabe würdigte die Arbeit der Medienhäuser und der Journalisten im Krieg – für die umfassende Berichterstattung und die Einordnung der Geschehnisse.

Den Blick auf Bertelsmann lenkend erläuterte Rabe den Journalistinnen und Journalisten die Prioritäten der „Boost 25“ Strategie, die „das Potenzial unserer Geschäfte noch besser ausschöpfen wird, um noch stärker zu wachsen, organisch und durch Akquisitionen – und in einer zweiten Phase durch den Ausbau neuer Geschäfte“. Auch auf das Geschäftsjahr 2021, „das bislang stärkste Jahr der Bertelsmann-Geschichte“, blickte der Vorstandsvorsitzend zurück, bevor er sich der strategischen Priorität nationaler Media Champions detaillierter zuwandte. „Ich spreche seit Jahren über die Notwendigkeit, die europäischen TV-Märkte zu konsolidieren und nationale Media Champions zu schaffen“, erinnerte Rabe, um fortzufahren: „Es gibt gute Nachrichten: Die Mediennutzung steigt, vor allem die Nutzung von Video.“ Zugleich schränkte er ein: „TV-Nutzung ist auf hohem Niveau, aber in allen größeren Märkten seit Jahren rückläufig, insbesondere in den jüngeren Zielgruppen.“ Gewinner der Videonutzung sei Online Video oder Streaming, das von den US-Plattformen dominiert wird – mit Milliarden Nutzern und hunderten Millionen Abonnenten weltweit.

Diese dominante Position machte Rabe an konkreten Zahlen deutlich: „Die acht großen US-Plattformen und Medienunternehmen werden laut der ‚Financial Times‘ allein 2022 mehr als 140 Milliarden US-Dollar in Video-Inhalte und Sportrechte investieren für den selbst erklärten ‚Streaming-Krieg‘.“ Im digitalen Werbemarkt vereinten Google, Meta und Amazon 70 Prozent des Volumens auf sich und praktisch das gesamte Wachstum. Was für die Konkurrenz daraus folgt, ist für Rabe klar: „Die europäischen Medienhäuser und TV-Gruppen müssen ihren Sehern ins Online Video oder Streaming folgen, um nicht an Reichweite und Substanz zu verlieren“, forderte der Bertelsmann-Chef. Und weil Größe dabei ausschlaggebend sei, gelte es, Ressourcen zu bündeln und Synergien zu schaffen, die reinvestiert werden könnten in vornehmlich lokale Inhalte, unabhängigen Journalismus, Streaming und Technologie.

Aus diesem Grund habe RTL in den zurückliegenden zwölf Monaten mehrere Vereinbarungen geschlossen, sagte Rabe, um aufzuzählen: „In Deutschland die Zusammenführung von RTL und Gruner + Jahr, in Frankreich die Zusammenführung von TF1 und M6, in den Niederlanden die von RTL und Talpa, außerdem in Belgien der Verkauf von RTL Belgium an zwei belgische Medienunternehmen und in Kroatien der Verkauf an eine führende osteuropäische TV-Gruppe.“ Über den jeweiligen Stand dieser Transaktionen ging Rabe im Folgenden ein, genauso wie auf die dafür notwendigen regulatorischen Rahmenbedingungen.
Der Vorstandsvorsitzende wandte sich gegen „gelegentlich geäußerte Bedenken, dass durch die Konsolidierung Medienkonzentration zu hoch wird – und Journalismus leiden könnte.“ Das Gegenteil, so Rabes Überzeugung, sei richtig: „Es gibt heute mehr Medienangebote und -vielfalt als je zuvor. Journalismus ist relevanter denn je.“ Er müsse aber auch finanziert werden, wozu die Synergien beitrügen. Rabe wörtlich: „Wir bauen unser journalistisches Angebot weiter aus, weil es relevant ist, weil wir es können – und weil es auch kommerziell sinnvoll ist.“ Darüber hinaus investiere Bertelsmann massiv ins Streaming, baue in Deutschland sein Video-Angebot deutlich aus und erweitere es um Audio und Text zu einem echten multimedialen Angebot, zu „one app all media“. Bertelsmann sei, schloss der Vorstandsvorsitzende vor einer angeregten Diskussion mit den Wirtschaftsjournalist:innen, „sehr zuversichtlich, mit dieser Strategie der  Konsolidierung, der Transformation und der massiven Investitionen dauerhaft eine wichtige Rolle als nationaler Media Champion in den Kernmärkten zu spielen.“ Man sei auf einem guten Weg – und habe noch viel vor.