News | Gütersloh, 02.05.2020

Interview mit Thomas Rabe: „Das Geschäftsjahr 2020 wird eine Herausforderung“

Im Interview spricht Thomas Rabe über die heute veröffentlichten Ergebnisse für das erste Quartal 2020, über den weiteren Verlauf des Geschäftsjahres und über das Maßnahmenpaket von Bertelsmann gegen die wirtschaftlichen Corona-Auswirkungen. Der CEO hebt zudem den Schutz der Gesundheit der Mitarbeiter hervor, der oberste Priorität behalte.

Herr Rabe, wie würden Sie den Verlauf des ersten Quartals 2020 für Bertelsmann zusammenfassen?

Thomas Rabe: Das Geschäftsjahr 2020 wird mit den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie eine Herausforderung. Wir sind gut ins Jahr gestartet, spüren jedoch seit März zunehmende Auswirkungen auf unsere Geschäfte. So ging der Umsatz in den ersten drei Monaten moderat um 2,7 Prozent auf 4,1 Milliarden Euro zurück. Während in den werbefinanzierten Geschäften die Corona-Effekte spürbar waren, entwickelten sich BMG, die Arvato-Dienstleistungsgeschäfte und die Bildungsgeschäfte positiv. Organisch ging der Konzernumsatz leicht um 2,1 Prozent zurück. Die Wachstumsgeschäfte von Bertelsmann verzeichneten ein Plus von 2,8 Prozent. Ihr Anteil am Gesamtumsatz betrug unverändert 36 Prozent. Die Breite des Geschäftsportfolios von Bertelsmann wirkt in dieser Krise ebenso positiv wie der hohe Anteil digitaler Geschäfte, die im vergangenen Geschäftsjahr erstmals mehr als 50 Prozent vom Gesamtumsatz ausmachten.

Welche geschäftlichen und welche strategischen Meilensteine kennzeichnen das erste Quartal?

Thomas Rabe: Die RTL Group verzeichnete gestiegene Zuschauermarktanteile in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden. Die Nachrichtenberichterstattung der Sender sorgte für Rekordquoten und hohe Reichweiten. Die Anzahl der zahlenden Abonnenten für die Streaming-Dienste TV Now und Videoland stieg um 34 Prozent auf 1,53 Millionen. Bei Penguin Random House stieg die Nachfrage nach Kinder- und Jugendbüchern sowie nach digitalen Formaten. Seit dem 1. April ist die weltgrößte Buchverlagsgruppe eine hundertprozentige Unternehmenstochter von Bertelsmann. G+J registrierte höhere Einzelverkaufszahlen und Neuabos für seine Magazine. BMG unterschrieb mit internationalen Künstlern globale Platten- oder Verlagsverträge. Zudem verzeichneten BMG-Künstlerinnen, Künstler und Songwriter bedeutende Charterfolge …

… und wie ist die Lage außerhalb unserer Mediengeschäfte?

Thomas Rabe: Arvato entwickelte sich in allen Geschäftsbereichen positiv und investierte in die Erweiterung und Automatisierung seiner Standorte. Arvato Financial Solutions profitierte vom anhaltenden Wachstum der Kauf-auf-Rechnung-Lösung für einen Großkunden. Die Bertelsmann Printing Group verlängerte mehrere Druckaufträge und konnte einen neuen Großkunden im Bereich Prospektdruck gewinnen. Die Bertelsmann Education Group verzeichnete eine erhöhte Nachfrage nach Online-Learning-Angeboten bei Relias und Udacity. Zum 31. März hielt Bertelsmann Investments im Wesentlichen über seine vier internationalen Fonds rund 240 Beteiligungen an Unternehmen und Fonds. Im Februar profitierte Bertelsmann Brasil Investments von einem erfolgreichen Teil-Exit einer indirekten Beteiligung an dem in Brasilien tätigen Bildungsanbieter Afya.

Wie haben sich in der heraufziehenden Corona-Krise Nutzung und Relevanz der Medien entwickelt?

Thomas Rabe: Viele Menschen haben jetzt einen großen Bedarf an Information über die Krise, aber auch an Unterhaltung und Ablenkung, was sich in deutlich steigenden Zuschauer-, Hörer-, Leser- und Nutzer-Zahlen niederschlägt. So erreicht die Mediengruppe RTL Deutschland 30 Millionen Menschen am Tag mit ihren journalistischen Angeboten. In Frankreich schnellten die Einschaltquoten für die ausgeweiteten Newsformate von M6 und RTL Radio in neue Rekordhöhen, die Video-Abrufe auf der Online-Plattform 6play stiegen um 45 Prozent. Unsere Medien berichten, klären auf, ordnen ein und bilden die Meinungsvielfalt in unserer Gesellschaft ab. Sie sind in Krisen wie diesen von hoher gesellschaftlicher Relevanz und Bestandteil der kritischen Infrastruktur.

Es war das erste und wohl auch letzte Quartal im Geschäftsjahr 2020, das noch nicht wesentlich durch die Corona-Krise beeinträchtigt war. Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung für das gesamte Geschäftsjahr ein?

Thomas Rabe: Vor dem Hintergrund der sich dynamisch entwickelnden Corona-Krise können wir unsere ursprüngliche Prognose für das Geschäftsjahr 2020 nicht aufrechterhalten. Eine belastbare Einschätzung der weiteren Geschäftsentwicklung für 2020 ist derzeit nicht möglich. Wir haben umfassende Gegenmaßnahmen bei Kosten und Investitionen getroffen, erwarten aber negative Auswirkungen auf unsere Ertragslage in den kommenden Monaten.

Welchen gesellschaftlichen Beitrag leistet Bertelsmann in der Corona-Krise?

Thomas Rabe: Die Unternehmen der Bertelsmann Content Alliance in Deutschland unterstützen den Kampf gegen die Ausbreitung des Virus mit der Kampagne „Gemeinsam gegen Corona“. Penguin Random House unterstützt bedürftige Lesergruppen und den stationären Buchhandel. Gruner + Jahr hat seine Digitalangebote geöffnet. Arvato Supply Chain Solutions ermöglicht die Lieferung dringend benötigten medizinischen Materials. Relias stellt Trainingsprogramme zu Hygiene- und Präventionsmaßnahmen aus seinem Online-Lernangebot auf seine Website. Und Udacity bietet freie Nanodegree-Programme an.

Mit welchen Maßnahmen steuert Bertelsmann insgesamt denn der Corona-Krise entgegen?

Thomas Rabe: Der Vorstand hat frühzeitig ein Bündel an Maßnahmen umgesetzt, die der Sicherung und Ausweitung der Liquidität des Unternehmens dienen. Unter anderem haben wir einen Eurobond über 750 Millionen Euro mit einer Laufzeit von acht Jahren erfolgreich platziert. Durch weitere kurzfristige Maßnahmen haben wir unsere liquiden Mittel darüber hinaus beträchtlich gesteigert. Der Fokus liegt nun auf der Gegensteuerung beim Liquiditätsabfluss durch Kostenmaßnahmen und Investitionszurückhaltung.

… und wie ist die Platzierung des von Ihnen erwähnten Bond gelaufen?

Thomas Rabe: Sehr gut. Der Bond war mehrfach überzeichnet.

Bertelsmann hat nach wie vor sehr wenige Corona-Infizierte unter seinen Beschäftigten. Wie ist das gelungen?

Thomas Rabe: Wir waren gut vorbereitet und haben frühzeitig reagiert. Schon Ende Januar, als die Krise in China ausbrach, hat ein konzernweiter Krisenstab die Arbeit aufgenommen, die Lage beobachtet und Empfehlungen entwickelt. Der Vorstand hat Anfang März ein Reiseverbot ausgesprochen und Mitte März den Wechsel ins Homeoffice angeordnet. Gleichzeitig haben wir in den Betrieben mit Schutzmasken, Abstandsregelungen und Hygienemaßnahmen alles getan, um die Beschäftigten zu schützen. Wir haben aktiv mit den Mitarbeitern kommuniziert, haben sie täglich im BENET umfassend informiert.

Mit welchen Maßnahmen geht es nach den vielerorts von der Politik beschlossenen Lockerungen bei Bertelsmann weiter?

Thomas Rabe: Wir werden mit großer Umsicht und Vorsicht zum Schutz unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verfahren. So wie wir stufenweise unsere Maßnahmen mit zunehmender Krise verschärft haben, werden wir sie stufenweise wieder lockern. Es gibt dafür Pläne, die wir nun umsetzen, die aber von Unternehmen zu Unternehmen und von Land zu Land unterschiedlich sind. Wir werden an Homeoffice noch länger festhalten, ganz besonders für gefährdete Beschäftigte. In den Büros, in den Produktions- und Dienstleistungsbetrieben gelten zudem umfassende Präventionsregeln.