Reinhard Mohn: Ein Jahrhundertunternehmer - Bertelsmann SE & Co. KGaA

Informationen rund um das internationale Medienunternehmen mit seinen Unternehmensbereichen RTL Group, Penguin Random House, Gruner + Jahr und Arvato; ausführliche Informationen für Journalisten im Pressezentrum der Bertelsmann SE & Co. KGaA sowie alles rund um das Thema Corporate Responsibility bei Bertelsmann.

Reinhard Mohn

Reinhard Mohn: Ein Jahrhundertunternehmer

Reinhard Mohn (1921-2009) repräsentierte die fünfte Generation der Eigentümerfamilie Bertelsmann/Mohn und baute Bertelsmann zu einem internationalen Unternehmen auf.
Reinhard Mohn 1947, noch im Soldatenmantel, spricht auf dem Richtfest als neuer Verlagschef zu seinen Mitarbeitern.
Reinhard Mohn, Blick über New York während seiner Bildungsreise in den USA, 1954.
"Erfolg durch Partnerschaft" - Reinhard Mohn ist es gelungen, moderne Führungstechnik mit gesellschaftspolitischem Engagement zu verbinden, Siedler Verlag 1986.

"Man muss Menschen überzeugen." Für Reinhard Mohn war dies eine jener kraftvollen Lebensweisheiten, an denen er sich orientierte. Er sagte diesen Satz mit Blick auf seine Erfahrungen im Krieg als junger Offizier, und er sagte ihn auch über seine Arbeit, die ihn zu einem der erfolgreichsten Unternehmer des 20. Jahrhunderts machte.

Bereits mit 16 Jahren hatte Mohn in einem Schulaufsatz versprochen, in seinem Beruf später "so viel zu leisten, wie nur irgend in meinen Kräften steht". Er wolle eigenverantwortlich etwas gestalten, sei bereit zur ständigen Neuorientierung und Lernbereitschaft und sehe die Verpflichtung zur Leistung auch mit Blick auf die Gesellschaft, für deren Leben auch er die Verantwortung tragen müsse. Eindrucksvolle Worte für einen 16-Jährigen.

Dass er diese Ziele bei Bertelsmann verwirklichen würde, war zunächst nicht seine Absicht, denn er hatte ursprünglich ganz andere Pläne. Der naturwissenschaftlich begabte junge Mann, der mit 24 Jahren aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft zurück in das zerstörte Gütersloh kam, wollte Ingenieur werden. Doch daraus wurde nichts.

Unternehmer statt Ingenieur

Der Krieg hatte fast alles in Schutt und Asche gelegt. Das Geschäft des Verlagshauses Bertelsmann war zum Erliegen gekommen, Werkshallen und Maschinen zum großen Teil zerstört. Bereits 1944 war der Betrieb infolge illegaler Papierbeschaffungen geschlossen worden. Zudem war Bertelsmann als größter Lieferant von Feldpostliteratur politisch vorbelastet. Von ehemals 400 Mitarbeitern waren nur noch etwa 150 übrig geblieben. Die Voraussetzungen in jenen Tagen nach dem Krieg waren denkbar schlecht. Reinhard Mohn stand als junger Mann vor dem Ende des Familienunternehmens. Er schuf daraus einen Weltkonzern.

Der leidenschaftliche Spaziergänger, der an den Wochenenden gerne 30 Kilometer wanderte, um über die anstehenden Probleme nachzudenken, spürte, was die Menschen in Gütersloh von ihm erwarteten. Der älteste Bruder war gefallen, der zweite vermisst, der Vater Heinrich Mohn schwer krank. Dass die Gütersloher Mitarbeiter in Kälte und Schutt gemeinsam mit ihm die Trümmer wegräumten und den Betrieb wieder zum Laufen brachten, hat er ihnen nie vergessen. Die Führungserfahrungen, die er als junger Offizier im Zweiten Weltkrieg sammeln musste, halfen ihm beim Umgang mit all den Herausforderungen, die die Arbeit im Unternehmen mit sich brachte. Schon in seiner ersten Ansprache an die verbliebenen Mitarbeiter im Winter 1946/47 hatte er ein Ziel vor Augen: „Man muss Menschen überzeugen.“

Mitarbeiter als Partner

Von Anfang an verstand er sich als Partner all derer, die mit ihm für Bertelsmann arbeiteten. Reinhard Mohn verstand es wie kein anderer, Menschen zu motivieren, indem er ihnen Freiräume gewährte, eigenverantwortlich zu entscheiden. Starre Hierarchien waren nicht seine Sache. Als junger Mensch hatte er im Nationalsozialismus erleben müssen, wohin blinde Befehlsgewalt führen konnte. Er wollte es besser machen. Er gab den Mitarbeitern den nötigen Freiraum, um Verantwortung für ihre Aufgaben zu übernehmen. Er organisierte das wachsende Unternehmen dezentral und delegierte die Verantwortung auf viele fähige Köpfe. Er verstand sich als Partner seiner Mitarbeiter und legte größten Wert darauf, dass man auf "Augenhöhe" miteinander sprach. Und er blieb immer seiner Überzeugung treu, dass Eigentum verpflichtet. Gemeinsam mit seiner Frau Liz Mohn setzte er sich unermüdlich dafür ein, dass der "Leistungsbeitrag für die Gesellschaft" zu den unabdingbaren Unternehmenszielen gehört.

Das unternehmerische Gesamtwerk Reinhard Mohns gehört zu den großen Lebensleistungen in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Mohn legte die Grundlage dafür, dass aus einem christlichen Verlag in Gütersloh innerhalb von sechs Jahrzehnten ein Medien-, Dienstleistungs - und Bildungsunternehmen, das in rund 50 Ländern der Welt aktiv ist, entstehen konnte. Zum Konzernverbund gehören die Fernsehgruppe RTL Group, die Buchverlagsgruppe Penguim Random House, der Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr, die Dienstleister Arvato und Be Printers, das Musikunternehmen BMG sowie die Bertelsmann Education Group. Mit mehr als 112.000 Mitarbeitern erzielte das Unternehmen im Geschäftsjahr 2014 einen Umsatz von 16,7 Mrd. Euro. Dabei vertritt Bertelsmann eine Unternehmenskultur, die aus den persönlichen Überzeugungen Reinhard Mohns erwachsen ist und die bis heute fortgeschrieben wird: Kreativität und Unternehmergeist. Diese Kombination ermöglichst die Schaffung erstklassiger Medienangebote und innovativer Servicelösungen, die Kunden in aller Welt begeistern.

Das überwältigende Wachstum der Gründerjahre bescherte dem jungen Unternehmer zunächst viele schlaflose Nächte. Der rasante Aufbau des Unternehmens verschlang mehr Geld, als ihm die skeptischen Banken gewähren wollten. Mohn habe wie alle Jungunternehmer "unter Banken gelitten wie ein Hund", erklärten später Wegbegleiter dieser schwierigen Phase. Und so wandte sich Reinhard Mohn an die Einzigen, an die er sich wenden konnte: an die Mitarbeiter. Mohn appellierte an ihren Unternehmergeist, indem er seinen eigenen deutlich werden ließ. Sie sollten mit ihrer Arbeitskraft in den Wiederaufbau des Verlages investieren. Und dafür würden sie am Gewinn des Unternehmens beteiligt. Eine Partnerschaft, die bei Bertelsmann bis heute gelebt wird.

Versöhnung von Wirtschaft und Kultur

Was aus heutiger Sicht visionär erscheint, war für den leidenschaftlichen Unternehmer ganz selbstverständlich: "Ich habe mich gefragt, was muss ich tun, damit Menschen mitmachen bei dem Wiederaufbau. Die wollten alle ein Dach über dem Kopf und wollten einen gesicherten Arbeitsplatz." Dass ihm sein früher Einsatz für die Arbeitnehmerbeteiligung in der Öffentlichkeit das Etikett "Der rote Mohn" bescherte, kümmerte ihn wenig.

Schließlich erging es Mohn wie allen, die den Mut haben, neue Wege zu gehen. Er war in vielem seiner Zeit voraus: oft belächelt, dann bewundert und schließlich von vielen anerkannt und gewürdigt. Für ihn selbst war der partnerschaftliche Umgang mit den Mitarbeitern nicht Ausdruck politischer Programmatik. Sie war Teil einer unternehmerischen Kultur. Und sie war Ausdruck seiner gesellschaftlichen Verantwortung. Der frühere Bundespräsident Johannes Rau bezeichnete Reinhard Mohns Bild vom arbeitenden Menschen einmal als "beispielgebend für die gelungene Versöhnung von Wirtschaft und Kultur".

Wollte man jeden Erfolg, jeden Schritt der Firma Bertelsmann auf dem Weg zum Weltkonzern einzig dem genialen Strategen Reinhard Mohn zuschreiben, man würde nicht nur der Geschichte nicht gerecht. Man verpasste ihm erneut ein Etikett, das er selbst weit von sich gewiesen hätte. Und man übersähe auch einen wichtigen Teil der von Mohn geprägten Unternehmensphilosophie. Sehr früh schon übergab er Verantwortung an leitende Mitarbeiter. Drucktechnik, Buchbinderei, Vertrieb … Mohn lagerte Verantwortung aus, machte Unternehmensbereiche sehr schnell zu selbstständigen Einheiten.

Ihre Leiter sollten dabei agieren wie eigenständige Unternehmer – Reinhard Mohn schenkte ihnen sein Vertrauen und stattete sie mit allen Freiheiten aus, die sie benötigten. Bis heute gilt: Operative Entscheidungen liegen bei Bertelsmann in den Händen derer, die das Tagesgeschäft betreiben. Getreu dem Motto: Vielfalt durch Dezentralität. So konnte der Denker und Stratege Mohn seinen Blick schon früh auf die Grundsatzfragen seines Unternehmens lenken. Mit dieser Haltung begegnete er allen Herausforderungen, die heute zur lebendigen Unternehmensgeschichte des Hauses Bertelsmann gehören.

Suche nach neuen Ideen

Als die Geschäfte zum Jahresende 1949 so schlecht liefen, dass das Unternehmen in seiner Existenz bedroht war, vertraute Reinhard Mohn dem Gespür seines Vertriebschefs: Wenn die Kunden nicht zu den Büchern kämen, dann müsse man die Bücher zu den Menschen bringen, hatte dieser gesagt. Die sogenannte "Königsidee" war geboren. Mohn machte sich diese Idee mit einem Elan, der Berge versetzen konnte, zu eigen.

Am 1. Juni 1950 wurde der Bertelsmann Lesering ins Leben gerufen. Die Idee wurde von den Kunden begeistert aufgenommen. Schon nach einem Jahr hatte der Lesering mehr als 100.000 Mitglieder. Nach vier Jahren waren es eine Million. Schon bald wurde der Bertelsmann Lesering zum Symbolträger des deutschen Wirtschaftswunders.

Mohn begegnete Widrigkeiten immer wieder mit neuen Ideen. "Der eine trinkt gerne ein Bier, der andere liegt gern in der Sonne – ich denke gern." Wenn andere sich zufrieden zurücklehnten, fragte er sich: Wie können wir es besser machen? Die unablässige Suche nach neuen Wegen und Lösungen war ein Teil seiner Natur. Mohn verlangte viel von seinen Führungskräften und Mitarbeitern – denn er selbst war bereit, alles zu geben. Die Menschen bei Bertelsmann wussten, dass Mohn für sie durchs Feuer gegangen wäre – und dieser Geist hat das ganze Unternehmen geprägt.

Als die deutschen Lexikon-Verlage dem Bertelsmann Buchclub keine Lizenz überlassen wollten, gründete Mohn kurzerhand eine Lexikon-Redaktion und ein kartografisches Institut. Als die Plattenfirmen dem Bertelsmann Schallplattenring ebenfalls keine Lizenzen gewährten, gründete er die Ariola. Mit Künstlern wie Heintje, Udo Jürgens, Peter Alexander oder Robert Stolz wurde diese in kürzester Zeit zu einem der erfolgreichsten deutschen Plattenlabel. Und so wie sich das Geschäft inhaltlich ausdehnte, verbreitete sich die Idee der Buchclubs auch geografisch. Zuerst – 1962 – in Spanien, sieben Jahre später auch jenseits des Atlantiks in Südamerika. 1970 wurde der französische Buchclub France Loisirs gegründet, der sich schnell zum größten Auslands-Club entwickelte.

Der Aufstieg des Hauses Bertelsmann ist eine unternehmerische Erfolgsgeschichte, die ohne Frage in die Reihen der großen Börsenwerte hätte führen können. Aber Reinhard Mohn hat diesen Weg nie als zwangsläufig, als den einzig möglichen und schon gar nicht als den Königsweg betrachtet.

Pragmatisch, nüchtern und rational

Schon Anfang der 1990er-Jahre hatte Mohn den Großteil seiner Anteile am Konzern an die 1977 gegründete Bertelsmann Stiftung übertragen. Auch dies war typisch für den Unternehmer Reinhard Mohn. Die Stiftung spiegelt seine Überzeugung wider, dass Eigentum im besten Sinne des Grundgesetzes verpflichtet. Und sie ist gleichzeitig frei von jeder politischen Programmatik.

Pragmatisch, nüchtern und rational traf er auch alle seine großen und grundlegenden Entscheidungen für das Unternehmen. Sein Wechsel vom Vorstandsvorsitz in den Aufsichtsrat, als er die von ihm selbst für das Management auferlegte Altersgrenze von 60 Jahren erreichte. Sein Rückzug vom Aufsichtsratsvorsitz zehn Jahre später. Seine Arbeit in der Stiftung. Die Übertragung der Eigentumsanteile und Stimmrechte: Reinhard Mohn sah seinen Führungsanspruch nicht als Privileg. Er sah ihn als Verpflichtung gegenüber dem Unternehmen und seinen Mitarbeitern. Und gegenüber der gesamten Gesellschaft.

Es ist die Bertelsmann Stiftung, die Mohns Ideen aus dem unternehmerischen Umfeld immer wieder ins Gesellschaftliche überträgt – als unabhängige Forschungseinrichtung und Reformwerkstatt. "Ich hoffe, dass die Technokraten irgendwann einmal begreifen, welche Kraft im Menschlichen liegt. Erfolg und Partnerschaft bedingen einander", beschrieb Mohn die Zielsetzung dieser Arbeit.

Trotz des geordneten Rückzuges aus dem Alltagsgeschäft: Reinhard Mohn blieb bis zum Schluss ein Ideengeber. Ein unbequemer Frager. Und war immer wieder auf der Suche nach neuen Antworten. In zahlreichen Aufsätzen und Büchern hat Mohn seine unternehmerischen Vorstellungen, das Konzept seines Führungsverhaltens und seiner Verantwortung gegenüber der Gesellschaft dargelegt. Darüber hinaus beschäftigte er sich intensiv mit dem Thema "Geistige Orientierung". Ihn, der Organisationsstrukturen und Führungstechniken immer wieder erdacht und erprobt hatte, faszinierte zutiefst, wie andere Institutionen diese Aufgaben bewältigt haben. Seine Inspirationsquellen kannten genau wie sein Denken keine Grenzen. Außenstehende konnten sich nicht selten des Eindrucks erwehren, Reinhard Mohn habe in anderen Dimensionen gedacht.

Aber wenn er auch mit 88 Jahren mittags noch in die Kantine der Konzernzentrale in Gütersloh kam, dann gehörte dies für ihn zu seinem Tagesablauf. Wer erlebte, wie er bis zuletzt bei seinen täglichen Gängen zwischen der Bertelsmann Stiftung und dem Unternehmen jeden Mitarbeiter persönlich grüßte, auch mit den jungen Mitarbeitern scherzte und sprach, der spürte genau: Bertelsmann war sein Leben. Für die Mitarbeiter war all dies die tägliche Erinnerung daran, dass bei Bertelsmann vieles grundlegend anders ist als in anderen Konzernen dieser Größe. Da war ein Mensch, der Vorbild sein wollte. Und der diese Haltung im Geiste der gemeinsamen Verantwortung und Partnerschaft auf unnachahmliche Weise verkörperte.

Reinhard Mohn war Träger des Großen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland und zahlreicher anderer Auszeichnungen und Preise. Er war Ehrendoktor der Universität Münster und Ehrenmitglied des Club of Rome. Er wurde ausgezeichnet als Denker, als Stifter, als Bürger und als Gründer. Und 1998 als Unternehmer des Jahrhunderts.