News | Gütersloh, 11.06.2021

„Reinhard Mohn ging neue Wege“

„Reinhard Mohn – Ein Jahrhundertunternehmer“, so heißt ein neues Buch des Historikers Joachim Scholtyseck, das in dieser Woche bei C. Bertelsmann erschienen ist. Mohn wäre am 29. Juni 100 Jahre alt geworden. Im Theater Gütersloh sprachen der Autor, Thomas Rabe und Amelie Fried am Mittwochabend auf dem „Blauen Sofa“ über das Buch. Die Veranstaltung wurde live ins Internet übertragen.

An menschenleere Theatersäle haben wir uns in Zeiten der Pandemie gewöhnen müssen. Doch ganz langsam kehrt zumindest auf die Bühnen endlich das Leben zurück. Am Donnerstagabend war das im Theater Gütersloh der Fall. Auf der großen Bühne des modernen Theaters fand eine ganz besondere Ausgabe des renommierten Literaturformats „Das Blaue Sofa“ statt: Der Bertelsmann-Vorstandsvorsitzende Thomas Rabe, der Unternehmenshistoriker Joachim Scholtyseck und die Autorin Amelie Fried diskutierten dort über das neue Buch Scholtysecks: „Reinhard Mohn – Ein Jahrhundertunternehmer“, erschienen vor wenigen Tagen aus Anlass des 100. Geburtstag des Bertelsmann-Nachkriegsgründers, den er am 29. Juni gefeiert hätte. 

Weil Gäste wegen der Pandemie noch nicht zugelassen waren, blieb der Theatersaal leer – doch die Bertelsmann-Unternehmenskommunikation unter der Leitung von Karin Schlautmann, verantwortlich für die Bertelsmann-Aktivitäten im Jubiläumsjahr und das Blaue Sofa, hatten sich eine Menge einfallen lassen, um das elegant zu überspielen: Die Organisatoren drehten die Sitzmöbel, das bekannte blaue Sofa sowie zwei blaue Sessel, kurzerhand um. Die drei Gesprächspartner saßen also mit dem Rücken zum Saal, der für die Kameraperspektive mit blauen LED-Röhren geschmückt war, und blickten stattdessen in die Tiefe der Bühne. Und in die Kameras: Denn die gesamte Veranstaltung wurde live über die Website von Bertelsmann, aber auch auf rtl.de, ntv.de, stern.de und anderen Medienportalen gestreamt, so dass eben doch Zuschauerinnen und Zuschauer dabei waren – und das theoretisch überall auf der Welt, ganz so wie es Reinhard Mohn als international denkendem Unternehmer gefallen hätte. Diese Zuschauer:innen erlebten ein spannendes, einstündiges Gespräch, das ganz dem unternehmerischen Leben und Wirken von Reinhard Mohn gewidmet war.

Der Diskussionsabend begann um 19 Uhr mit einer Begrüßung durch die Moderatorin Amelie Fried und einem kurzen Videotrailer mit Bildern von Reinhard Mohn, die mit besonders einprägsamen Zitaten des Unternehmers unterlegt waren. Produziert wurde der Trailer von den Kolleg:innen des zur Unternehmenskommunikation gehörenden Unternehmensarchivs. Ein zweiter Clip zeigte Interviewausschnitte mit Reinhard Mohn aus verschiedenen Jahrzehnten, wobei ein Satz gleich zu Anfang im Gedächtnis haften blieb. „Die haben es nicht verstanden“, kommentierte Mohn in der Rückschau Vorwürfe aus dem Arbeitgeberlager über seine angeblich allzu arbeitnehmerfreundliche Haltung und die Beteiligung der Mitarbeitenden am Unternehmenserfolg, die ihm seinerzeit den Spitznamen „der rote Mohn“ eingetragen hatten. Dieses „die haben es nicht verstanden“, Mohns kluge, in der heutigen Zeit weitgehend selbstverständliche, für die damalige Zeit aber aufsehenerregende Unternehmensphilosophie, stand an diesem Abend immer wieder im Mittelpunkt des Gesprächs. „Delegation von Verantwortung, Transparenz, Mitbestimmung, das prägt Bertelsmann nach wie vor“, sagte Thomas Rabe, der Reinhard Mohn selbst 2004 kennengelernt hat, vor seinem Wechsel als Finanzvorstand zu Bertelsmann. „Bertelsmann hat heute über 130.000 Mitarbeitende und ist in seinem Geschäftsportfolio sehr breit aufgestellt – ein solches Unternehmen können Sie nur führen, wenn Sie Verantwortung delegieren“, so Rabe. 

Die von Mohn betriebene Delegation von Verantwortung ist dann auch eines jener herausragenden Merkmale, die den Wissenschaftler Joachim Scholtyseck dazu gebracht haben, Mohn in seinem Buch als einen „Jahrhundertunternehmer“ zu bezeichnen. „Das war für die damalige Zeit noch ungewöhnlich“, so Scholtyseck. Bertelsmann sei innerhalb von 15 Jahren von 80 auf 5.000 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gewachsen, und Mohn sei klar gewesen, dass er das nicht alleine machen könne. „Er brauchte gute Mitarbeiter, die er für seine Firma begeistern kann – und das konnte nur gelingen, wenn er selbst Verantwortung abgibt“, sagte der Historiker. „Das ist ein Managerdenken, das in der damaligen Zeit in Deutschland noch ungewöhnlich war, hier waren die Unternehmer in der Nachkriegszeit ja noch sehr patriarchalisch aufgestellt.“ Dieses Denken habe Reinhard Mohn stark geändert. Weitere Faktoren, die Reinhard Mohn für Joachim Scholtyseck zu einem Jahrhundertunternehmer machen, sind die Bereitschaft, Mitarbeitende zu beteiligen, Stichwort Mitbestimmung, eine enge Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat und die Anerkennung der Gewerkschaften. Auch hier sieht Thomas Rabe eine ungebrochene Kontinuität zum heutigen Bertelsmann: „Der Interessenausgleich im Unternehmen ist wichtig, es gibt eben nicht nur die Gesellschafter, es gibt die Mitarbeitenden, die Mitarbeitervertreterinnen und -vertreter, die allgemeine Öffentlichkeit.“ Reinhard Mohn habe eine frühe Form des Stakeholder-Ansatzes entwickelt, im Gegensatz zum Shareholder-Ansatz, und diese Elemente würden Bertelsmann nach wie vor sehr stark prägen, so Rabe weiter. 

In vielen Dinge war Reinhard Mohn eine Ausnahmeerscheinung. Typisch für seine Generation von Unternehmern ist dagegen für Joachim Scholtyseck das Selbstverständnis Mohns als „Macher“. „Mohn war experimentell, er ging neue Wege und passt damit gut in die Goldgräberstimmung der frühen Bundesrepublik“, sagte der Historiker. Moderatorin Amelie Fried ergänzte diese Aussage mit dem bekannten Mohn-Zitat „Wir hatten deutlich mehr Ideen als Geld“ und lieferte so einen weiteren Anknüpfungspunkt für Thomas Rabe: „Das Kapital bei Bertelsmann war immer knapp – und das ist auch gut so“, betonte er. Denn wenn das Kapital knapp sei, müsse man selektieren, sich genau überlegen, was man tue, und einfach gründlicher arbeiten. „Das war bei Bertelsmann immer so und das ist auch heute noch so“, so der Vorstandsvorsitzende, „heute wie damals haben wir sehr viel mehr Ideen als Kapital, und wir suchen uns die besten davon aus.“ 

Ein weiteres Thema, dass das ganze Gespräch wie ein roter Faden durchzog, war das Verhältnis von Reinhard Mohn zu den USA. „Die USA waren geradezu eine ‚model nation‘ für Reinhard Mohn“, so Scholtyseck. Mohn sei in seiner Zeit in einem US-amerikanischen Kriegsgefangenenlager in Kansas vom „American Dream“ angesteckt worden, wäre am liebsten gleich ganz dort geblieben. „Amerika war für ihn von den Managementideen her wichtig, aber auch weil er hier einen ausgesprochen interessanten, aber auch schwierigen Markt gesehen hat.“ Immer wieder sei Reinhard Mohn später in die USA gereist und habe sich dort Anregungen geholt, beispielsweise bei technischen Themen wie Computerisierung und Rationalisierung, aber auch für seine Managementmethoden. Doch gerade im Umgang mit den Mitarbeitenden habe Mohn dann eigene Akzente gesetzt, die auf die Situation in Deutschland abgestimmt gewesen seien und habe seit den 1950er-Jahren „ein ganzes Bündel von Fürsorgemaßnahmen“, so Scholtyseck, für die Mitarbeitenden geschnürt, beispielsweise die Beteiligung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am finanziellen Erfolg des Unternehmens. Und nebenbei habe sich Mohn damals durch gut verzinste Anleihen seiner Mitarbeitenden dringend benötigtes Kapital verschaffen können. „Er hat das alles nicht aus reinem Altruismus heraus getan, sondern hatte immer auch das Interesse des Unternehmens im Blick“, betonte Scholtyseck. 

Der erste Schritt von Bertelsmann ins Ausland erfolgte dann nicht etwa in die USA, sondern nach Spanien. „Hinter dem Lesering, dem Buchclub von Bertelsmann, steckte die Idee, das Buch zum Leser zu bringen, denn damals gab es ja in Deutschland noch ganze Schichten, die nicht an Bücher gewöhnt waren“, so Joachim Scholtyseck. Diese Idee habe man dann beginnend mit Spanien in andere Länder übertragen. „Spanien war zu der damaligen Zeit noch eine Diktatur, war aber auch eine Kulturgesellschaft, zwar agrarisch geprägt, aber mit Potenzial“, erklärte Scholtyseck. „Das war eine Success Story“, betonte auch Thomas Rabe, „die vor allem auf der Erkenntnis beruhte, dass der Heimatmarkt auf Dauer zu klein wurde und dass ein Geschäftsmodell, dass in Deutschland funktionierte, auch im Ausland Erfolg haben konnte.“ Dieser Schritt sei ausgesprochen mutig gewesen und habe die Grundlagen für die heutige Internationalisierung von Bertelsmann gelegt. 

„Fleißig, diszipliniert und genügsam“ – Amelie Fried zitierte den früheren Bundeskanzler Helmut Schmidt über Reinhard Mohn, um dann zusammen mit der Runde noch einige Eigenschaften des Menschen Reinhard Mohn herauszuarbeiten. „Zum protestantischen Milieu, das ihn geprägt hatte, gehörte auch, dass man nicht angibt mit dem Geld, nicht herumprotzt“, betonte Joachim Scholtyseck. Nicht die Familie oder persönlicher Reichtum hätten bei ihm im Zentrum gestanden, sondern in erster Linie das Unternehmen. „Das Unternehmen hat Vorrang vor der Familie, diese Überzeugung hat ihn immer begleitet“, so Scholtyseck. Und auch Mohns Bodenständigkeit, die Verwurzelung in Gütersloh würde Bertelsmann bis heute prägen, ergänzte Thomas Rabe. Trotz allen Einsatzes für das Unternehmen habe Reinhard Mohn auf eine Work-Life-Balance geachtet, die sich beispielsweise bei seinen Waldspaziergängen und seinen Urlauben auf Mallorca gezeigt habe. 

Amelie Fried fragte dann noch nach dem politischen Engagement des Bertelsmann-Nachkriegsgründers. Dafür zitierte sie Reinhard Mohn aus seiner Abschiedsrede als Vorsitzender des Bertelsmann-Aufsichtsrates mit den Worten: „Es war eine gute Zeit des Gestaltens und der Bewährung. Mehr kann sich ein unternehmerisch veranlagter, gesellschaftlich engagierter Mensch kaum wünschen.“ „Reinhard Mohn hat sich als ‚Homo Politicus‘ verstanden“, betonte Joachim Scholtyseck. Dies habe insbesondere für die Zeit nach 1981 gegolten, also nach seinem Abschied aus dem operativen Geschäft. „Als Unternehmer habe ich eine Verantwortung, für die Gesellschaft zu wirken“, beschrieb Scholtyseck Mohns Einstellung. „Da war er tatsächlich ein politischer Mensch.“ Mohn habe Anstöße geben wollen, und dies sei ihm auch gelungen, beispielsweise mit seinen Ideen zur Sozialverfassung und nicht zuletzt mit der Gründung der Bertelsmann Stiftung. „Diese Gründung entsprang der gesellschaftlichen Verantwortung des Unternehmers, etwas zurückzuzugeben“, sagte Thomas Rabe. 

„Reinhard Mohn hat so weit vorausgesehen, dass das Unternehmen Bertelsmann schon in seiner Zeit zukunftsfähig war – das ist das Vermächtnis von Reinhard Mohn“, bilanzierte Joachim Scholtyseck am Ende des Gesprächs. „Wie sorge ich dafür, dass auch nach mir dieses Unternehmen als Familienunternehmen Bestand hat?“ Diese Frage habe Mohn immer bewegt, und es habe ihn fasziniert, dass das so funktioniert habe. „Ich sehe auch im heutigen Unternehmen Bertelsmann sehr, sehr viel Reinhard Mohn“, so Scholtyseck. Eine Aussage, die Thomas Rabe gerne aufnahm: „Wir sehen das auch so, und zwar nicht, weil wir sagen, das ist das Vermächtnis, sondern weil wir es nach wie vor für richtig halten für das Unternehmen, und weil wir nach wie vor auf diese Art und Weise ausgesprochen erfolgreich arbeiten können“, so der Vorstandsvorsitzende.