Wachstum als Programm

Hartmut Ostrowski
Vorsitzender des Vorstands der Bertelsmann AG

„Take the lead. Go for growth. Create value.” Mit diesem Appell an die Führungskräfte ist Hartmut Ostrowski im Januar 2008 angetreten, um die Position von Bertelsmann als eines der weltweit führenden Medien- und Serviceunternehmen auszubauen. Führung übernehmen, wachsen, Werte schaffen – selbstbewusste Ansagen eines Unternehmers aus Leidenschaft."
Hartmut Ostrowski und seine Vorstandskollegen haben seither wichtige Weichen gestellt, um das Wachstumsprofil von Bertelsmann zu verbessern und die Herausforderungen einer zunehmend digitalisierten, fragmentierten Medienwelt zu meistern. Schrumpfende Geschäfte wie das Musik-Joint-Venture Sony BMG und das nordamerikanische Clubgeschäft wurden verkauft; neue, zukunftsträchtige Geschäfte wurden gegründet und Investitionen in Wachstumsmärkte gelenkt. Mit den Erschütterungen an den Kapitalmärkten und der Eintrübung der Weltwirtschaft Ende 2008 sind neue Herausforderungen dazu gekommen, die zwar nichts an der strategischen Ausrichtung auf Wachstum, wohl aber einiges an der Schwerpunktsetzung verändert haben.
Die Priorität in dieser Situation liegt für Hartmut Ostrowski vorerst auf der Absicherung der Kerngeschäfte und der mehr als 100.000 Arbeitsplätze im Unternehmen. Ein umfassendes Kostenprogramm wurde angeschoben; auch große Investitionen gibt es vorerst nicht. Entmutigen lässt sich Ostrowski von der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise nicht: „Ich bin überzeugt, dass Bertelsmann die Krise nicht nur irgendwie überstehen, sondern vielmehr gestärkt aus ihr hervorgehen wird. Jetzt ist echter Unternehmergeist gefragt.“
Das passt zum zupackenden Stil des 50-jährigen Westfalen, der fast sein ganzes bisheriges Berufsleben bei Bertelsmann verbracht und dabei nahezu jeden Winkel der Welt bereist hat. Seine Zuversicht kann er begründen: Ostrowski sieht vor allem die dezentrale Struktur von Bertelsmann als Vorteil, denn damit lasse sich das Maximum an unternehmerischer Initiative mobilisieren. „Wir verfügen über hochmotivierte, unternehmerisch denkende Führungskräfte und Mitarbeiter, die schnell und flexibel auf die jeweilige Lage reagieren. Die haben oft schon reagiert, bevor sie vom CEO angesprochen werden“, berichtet er. Kein großes Medienunternehmen sei außerdem geschäftlich und geographisch breiter aufgestellt als Bertelsmann. Dies bedeute eine optimale Risikostreuung. Und schließlich verfüge Bertelsmann über eine stabile und berechenbare Gesellschafterstruktur „mit Gesellschaftern, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind und bei Bedarf Eigeninteressen zurückzustellen.“ Bertelsmann könne so langfristig planen; „uns treibt keine Börse“. Sein Wachstumsziel – vier Prozent organisches Wachstum und eine Kapitalrendite von über acht Prozent – hat er fest im Blick, auch wenn Konjunktur und Börsenbeben vorübergehend bremsen. „Wichtig ist, dass die Richtung stimmt. Ob wir unser Ziel ein Jahr früher oder später erreichen, ist aus meiner Sicht zweitrangig“, stellt Ostrowski klar, und weiß sich dabei mit den Gesellschaftern einig.
Ostrowski setzt vor allem auf die Stärken von Bertelsmann: Mit einer Unternehmenskultur, die unternehmerischer Freiheit keine Grenzen setzt, und einer Top-Mannschaft sieht er das Haus bestens gerüstet. „Ich kann mir kein besseres Team vorstellen, um unsere Ziele zu erreichen.“
Kern seiner Strategie ist es, Investitionen gezielt in Wachstumsbereiche zu lenken und in den bestehenden Geschäften die Wertschöpfungskette zu erweitern. So lässt sich auch in reifen Märkten Wachstum erzeugen, weiß Ostrowski. Quer durch alle Bereiche und Geschäfte sollen Digitalisierung und die Nutzung des Internets für neue Geschäftsmodelle und Absatzkanäle sorgen. „Wir haben erstklassige Inhalte, seien es Bestseller, preisgekrönte TV-Filme, Fernsehformate oder starke Magazinmarken. Diese Inhalte bringen wir auf allen erdenklichen Kanälen und über eine Vielzahl von Kooperationen zu unseren Kunden.“
Der Servicespezialist
Weiterhin setzt Ostrowski auf den Ausbau des Servicegeschäfts bei Arvato als Wachstumstreiber. Kein Wunder, denn mit dem Aufbau erfolgversprechender Märkte in der ganzen Welt kennt sich der Servicespezialist und langjährige CEO von Arvato bestens aus. Der Unternehmensbereich Arvato, der unter Ostrowski starkes Wachstum erlebte und mittlerweile 60.000 Menschen beschäftigt, ist mit 270 Tochterunternehmen in 34 Ländern aktiv. Arvato zählt damit zu den größten Medien- und Kommunikationsdienstleistern weltweit. „Im Servicegeschäft steckt noch eine Menge Potenzial“, ist sich Ostrowski sicher. In wirtschaftlich harten Zeiten gehört Arvato sogar zu den Bertelsmann-Bereichen, die sich als große Stütze erweisen: Outsourcing steht dann bei vielen Geschäftskunden ganz oben auf der Agenda, und ihr Vertrauen schenken sie am ehesten einem bewährten Großanbieter und Spezialisten.
Befürchtungen, er könnte den Ausbau des Servicegeschäfts auf Kosten der inhaltsgetriebenen Geschäfte betreiben und damit das Selbstverständnis als Medienkomplettanbieter infrage stellen, widerspricht Hartmut Ostrowski nachdrücklich. „Content bleibt King!“, betont er, und fügt hinzu: „Und der Kunde ist Kaiser!“ Es komme darauf an, beide Geschäftsfelder gleichermaßen weiterzuentwickeln. Ostrowski ist sich sicher, dass sowohl Medien- als auch Kommunikationsdienstleistungen weiter zulegen werden.
Unternehmer aus Passion
Unternehmerisch zu agieren und erfolgreiche Geschäfte zu managen, das ist seine Passion. Schon als kleiner Junge zeigte Hartmut Ostrowski Spaß daran, in den Journalen seines Vaters zu stöbern, der einen Sanitärbetrieb führte. Er wusste schon früh, dass er Manager werden und in einem großen Unternehmen schnell Verantwortung übernehmen wollte. Damals hätte er allerdings nicht im Entferntesten daran gedacht, dass er einmal Chef des größten Medienunternehmens Europas sein würde.
Sein Umfeld beschreibt den gebürtigen Bielefelder als Mann mit Bodenhaftung. Er liebt Geradlinigkeit und klare Worte. Langatmiges Drumherumreden ist dagegen nicht seine Sache. Unehrlichkeit, Verantwortungslosigkeit oder rein politisch gesteuertes Handeln stoßen ihn ab.
Entspannung findet der Opernfan und Musikliebhaber in der Natur und beim Sport. Das alles lässt sich beim Joggen gut verbinden. Geht es um Mannschaftssport, schlägt das Herz von Hartmut Ostrowski für den Fußball. Das gilt sowohl für den aktiven Sportler Ostrowski als auch für den bekennenden Fan.
Lassen es die beruflichen Verpflichtungen zu, verfolgt er die Spiele von Arminia Bielefeld live im Stadion. Nicht zu vergessen sein Engagement für den lokalen Fußballclub TuS Dornberg, bei dem er als jugendlicher Stürmer tolle Zeiten verbracht hat. Für Ostrowski ist die Position als Vorstandschef eines internationalen Medien- und Servicekonzerns auf der einen Seite und sein Engagement für den Lokalfußball auf der anderen Seite kein Widerspruch. Wer ständig in der ganzen Welt unterwegs ist, der weiß, welche Bedeutung Heimat und ein wohltuend unaufgeregtes Umfeld haben. Das demonstriert Ostrowski auch durch sein Engagement für die Universität Bielefeld, der er sich als Mitglied des Vorstands der Westfälisch-Lippischen Universitätsgesellschaft verbunden fühlt.
Nach dem BWL-Studium an der Universität Bielefeld drängte es ihn eigentlich raus aus dem gewohnten Umfeld. Stattdessen landete er in der Nachbarstadt Gütersloh, bei Bertelsmann. „Unternehmertalente gesucht“ war die Anzeige überschrieben, mit der eine Personalberatung damals motivierte junge Leute suchte. Der 24-Jährige startete als Assistent der Geschäftsführung in der damaligen Bertelsmann Distribution, lernte das Geschäft von der Pike auf.
Ein Jahr später war Hartmut Ostrowski Abteilungsleiter Debitorenmanagement, „lernte Chef“, wie er schmunzelnd erzählt, war Vorgesetzter von 47 Frauen und 3 Männern, „für mich als jungen Mann eine echte Herausforderung“. Als Hauptabteilungsleiter fing er an, Finanzdienstleistungen nicht nur innerhalb des Konzerns, sondern auch extern zu vermarkten. Mit 27 Jahren war er Anfang 1986 Prokurist – und wollte schon wieder etwas anderes machen, vor allem erst einmal rauskommen aus Ostwestfalen.
Der neue Arbeitgeber war eine Tochter der Security Pacific, damals die viertgrößte Bank in den USA. Zunächst in Frankfurt und anschließend in München baute er eine Factoring-Gesellschaft auf, die den europäischen Markt erobern sollte. „In dieser Zeit habe ich das Bertelsmann-System der großen Freiräume für das Management schätzen gelernt; in meinem neuen Job hatte ich nur wenig Entscheidungsfreiheit.“
Unternehmer im Unternehmen zu sein, das war immer sein Traum gewesen. Deshalb nahm er das Angebot an, als Geschäftsbereichsleiter im April 1990 zur Bertelsmann Distribution zurückzukehren. Im Juli 1992 wurde er Geschäftsführer, im Juli 1995 Vorsitzender der Geschäftsführung der neu formierten Bertelsmann Services Group; 1996 folgte die Berufung in den Vorstand der Arvato. Im September 2002 wurde er Vorstandsvorsitzender und Mitglied im Vorstand der Bertelsmann AG.
„Einfach machen!“
„Einfach machen!“ Das ist eine der Aussagen, mit denen sich Hartmut Ostrowski mühelos identifizieren kann und die in einer Welt immer aufwändigerer Technik und komplexer Zusammenhänge an Bedeutung gewinnt. Gerne zitiert er auch Bill Clinton, den Ex-US-Präsidenten: „Wir können nicht alles tun, aber wir müssen tun, was wir können.“ Und Bertelsmann, davon ist der Vorstandsvorsitzende fest überzeugt, kann vieles.
Zum Erfolg gehört harte Arbeit, dazu das Glück des Tüchtigen. Diesem Glück verdankt Ostrowski auch den Erfolg, der für ihn persönlich am wichtigsten ist: Die Schaffung von mehreren tausend Arbeitsplätzen in den vergangenen zehn Jahren. Ganz in der Tradition der Bertelsmann-Unternehmenskultur versteht er es als soziale Verpflichtung, stets für die Arbeitsplätze seiner Kolleginnen und Kollegen zu kämpfen.
Auf die Frage, was er am liebesten tun würde, wenn er nicht Vorstandschef von Bertelsmann wäre, antwortet Hartmut Ostrowski ohne zu zögern: „Dann würde ich mit meiner Frau, den beiden Kindern und unserem Hund auf meine Lieblingsinsel Mallorca ziehen und von dort aus junge Unternehmer beraten und unterstützen!“
(Stand: Dezember 2008)
| Lebenslauf | |
|---|---|
| Geburt | 25. Februar 1958, Bielefeld |
| Studium | Diplomkaufmann (Universität Bielefeld) |
| verheiratet, zwei Kinder | |
| Berufliche Stationen | |
|---|---|
| 1982 | Assistent der Geschäftsleitung Bertelsmann Distribution GmbH, Gütersloh, Deutschland |
| 1983 | Abteilungsleiter Bertelsmann Distribution GmbH |
| 1986 | Hauptabteilungsleiter Bertelsmann Distribution GmbH |
| 1988 | Geschäftsführer Security Pacific Eurofinance, Inc., München, Deutschland |
| 1990 | Geschäftsbereichsleiter Bertelsmann Distribution GmbH |
| 1992 | Geschäftsführer der Bertelsmann Distribution GmbH |
| 1995 | Vorsitzender der Geschäftsführung Bertelsmann Distribution GmbH (seit Juli 1999: Bertelsmann Services Group) |
| 1996 | Mitglied des Vorstands Bertelsmann Industrie AG (seit Juli 1999: Bertelsmann Arvato AG), Gütersloh, Deutschland |
| 2001 | zusätzlich stellvertretendes Mitglied des Vorstands der Bertelsmann AG, Gütersloh, Deutschland |
| 1. September 2002 | Vorsitzender des Vorstands der Arvato AG; Mitglied des Vorstands der Bertelsmann AG |
| seit 1. Januar 2008 | Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann AG, Gütersloh, Deutschland |


