Heinrich Mohn: Betriebliche Sozialpolitik im Zeichen der „Betriebsgemeinschaft“
Als einziger Sohn von Johannes und Friederike Mohn kam Heinrich Mohn am 23. März 1885 in Gütersloh zur Welt. Aufgrund seines starken Asthmas musste er die in der Familie übliche Ausbildung am Evangelisch-Stiftischen Gymnasium abbrechen und begann eine Lehre im Verlag. Am 6. Juni 1912 heiratete Heinrich Mohn mit Agnes Seippel (1889-1978) eine Freundin seiner Schwester, deren Familie mit den Mohns eng verbunden war.
Seit 1910 war Heinrich Mohn Teilhaber des Unternehmens, übernahm aber erst im Juli 1921 die Leitung des Betriebes mit 84 Mitarbeitern, von denen während der Inflation ein Großteil entlassen werden musste. Nach und nach modernisierte Heinrich Mohn den Verlag, dessen Beschäftigtenzahl bis 1936 im Gleichschritt mit seinem wirtschaftlichen Erfolg auf 172 anwuchs. Dies war nicht zuletzt dem Engagement in der Belletristik, einem neuen Standbein des bisher theologisch orientierten Verlages zu verdanken, das der Unternehmenschef seit den späten 20er Jahren in Zusammenarbeit mit Fritz Wixforth aufbaute.
Wenigstens bis 1924 war Heinrich Mohn Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP), der NSDAP trat er aber auch später nicht bei. Allerdings identifizierte er sich in hohem Maße mit der nationalsozialistischen Betriebsgemeinschaft und den sozialpolitischen Zielen der Deutschen Arbeitsfront (DAF), weil sie sich seiner Auffassung nach mit der Fürsorgepflicht des Unternehmers deckten. Seine religiös geprägte Einstellung hinderte ihn jedoch nicht, Kriegsbücher und Feldpostausgaben zu veröffentlichen.
Aufgrund seiner körperlichen Verfassung musste Heinrich Mohn zeitweise das Unternehmen von Braunlage im Harz aus leiten und konnte nicht wie sein Vater zahlreiche öffentliche Ämter übernehmen. Lediglich zum Vorsitzenden des Verwaltungsrates der Barthschen Stiftung und in den Vorstand des Freundeskreises seines früheren Gymnasiums ließ er sich wählen.
Heinrich Mohn betrachtete sich als Modernisierer des Verlags, stellte sich aber gleichzeitig, wie in der Festschrift „Carl Bertelsmann“ zum 100-jährigen Firmenjubiläum 1935, in die Tradition seiner Vorgänger: „Der Wille, den Verlag im Geist der Väter fortzuführen, ist vorhanden. Der Erfolg liegt in Gottes Hand.“ Im Sinne dieser Beständigkeit hatte er 1926 die in den Wirren der Inflation zusammengebrochene Invalidenkasse des Unternehmens wieder eingerichtet und sie um eine Witwen- und Waisenversicherung ergänzt. Anlässlich der Hundertjahrfeier verdoppelte Heinrich Mohn ein Jahr lang seine Beiträge für diese Einrichtung. Als sie im Dezember 1938 zwangsaufgelöst wurde, da die Firma die von Regierungsseite geforderte hypothekarische Sicherung künftiger Ansprüche nicht akzeptieren konnte, stellte der Unternehmenschef ihre Leistungen in beschränktem Umfang aus Firmenmitteln sicher.
Heinrich Mohn setzte also bewusst die Linie seiner Vorgänger in der betrieblichen Sozialpolitik fort. Dabei befand er sich weitgehend im Einklang mit den Vorstellungen der Nationalsozialisten.
1937 meldete Heinrich Mohn den C. Bertelsmann Verlag erstmals zum jährlichen „Leistungskampf der deutschen Betriebe“ an, in dem die Deutsche Arbeitsfront (DAF) Unternehmen für ihre sozialen und produktiven Leistungen auszeichnete. Zudem weitete das Unternehmen seine betrieblichen Sozialleistungen erheblich aus. Heinrich Mohn strebte die Bildung einer „Betriebsgemeinschaft“ an, indem er beispielsweise die Gründung von werkseigenen Gruppen wie einer Betriebssportgemeinschaft und einer Werkfrauengruppe anregte. Im Rauchzimmer, in der Werksbibliothek sowie im 1939 eingeweihten Gemeinschaftsraum konnten die Beschäftigten die bezahlte Werkspause verbringen. Symbolisch für die „Betriebsfamilie“ stellte Heinrich Mohn den Mitarbeitern auch den Garten seiner Mutter zur Verfügung. Für die Teilnahme an „Kraft durch Freude“-Fahrten verloste das Unternehmen unter den Beschäftigten jährlich 300 RM, veranstaltete selbst regelmäßig Betriebsausflüge und Feste in Mohns Park, zu denen die Mitarbeiter mit ihren Familien eingeladen waren.
Bertelsmann stockte auch seine Leistungen für die einzelnen Mitarbeiter auf. Zusätzlich zu dem bei Bertelsmann üblichen Heiratsgeld von 50 RM führte Heinrich Mohn 1937 eine Geburtsbeihilfe von 20 RM ein, die 1938 für im Unternehmen beschäftigte Mütter auf 80 RM erhöht wurde. Als mit Kriegsbeginn im Deutschen Reich Urlaubsansprüche und Lohnzuschläge eingeschränkt wurden, während sich die Arbeitszeit von 48 auf 54 Stunden erhöhte, bot Bertelsmann wie andere Unternehmen seinen Beschäftigten zusätzliche Anreize wie Prämien für herausragende Arbeit oder für Verbesserungsvorschläge. Das Unternehmen schickte den Mitarbeitern an der Front regelmäßig Pakete. Außerdem ließ Heinrich Mohn den Familien der verheirateten Beschäftigten eine wöchentliche Beihilfe von bis zu 10 RM zukommen und unterstützte sie, falls der Mitarbeiter im Krieg fiel, mit einer Witwen- und Waisenrente, selbst wenn die Werkszugehörigkeit nicht der von der Kasse vorausgesetzten Dauer entsprach. Den Eingezogenen, die nicht verheiratet waren, zahlte Bertelsmann während des Heimaturlaubs bis zu 3 RM täglich.
Das folgende Gedicht, das Lehrlinge im Jubiläumsjahr 1935 auf Heinrich Mohn verfassten, zeigt die enge Beziehung zwischen ihm und seinen Beschäftigten:
Und dennoch haben Sie unterdessen
den einzelnen Menschen niemals vergessen.
Jubiläum, Geburtstag, in jedem Falle,
und auch an Kranke,
Sie dachten an alle!
Für seine Anstrengungen, das soziale Profil des Unternehmens zu schärfen, erhielt Bertelsmann von vielen Seiten Anerkennung. Nachdem Heinrich Mohn seinem Sohn Reinhard im Herbst 1947 aus politischen Gründen die Leitung von Bertelsmann übergeben hatte, engagierte er sich weiter für seine Mitarbeiter, denen er sich nach wie vor verbunden fühlte. Noch wenige Wochen vor seinem Tod, am 26. April 1955, resümierte die Betriebszeitung:
„Wenn Heinrich Mohn auch heute noch jeden Tag durch den Betrieb geht, um sich nach dem Ergehen der einzelnen Mitarbeiter zu erkundigen und ihnen zu helfen, so ist dieses ein sichtbarer Ausdruck der Haltung, die letztlich hinter all seinen Handlungen gestanden hat.“
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