„Im August waren wir noch Fremde, hier in Köln treffen wir uns als Freunde“

„Hoffentlich können wir Ihnen überhaupt noch etwas beibringen“, lacht Peter Kloeppel, RTL-Chefredakteur und Mitglied des Journalistischen Beirats der „International Academy of Journalism“ (Intajour), als Oleg Shynkarenko während der Vorstellungsrunde von seinen bisherigen journalistischen Erfahrungen erzählt. Der 35-Jährige kommt aus der Ukraine und ist einer von zwölf Intajour-Fellows, die momentan in Köln ihre zweite Präsenzphase absolvieren. Bertelsmann hatte die Akademie als Beitrag zur Förderung von Presse- und Meinungsfreiheit wie berichtet anlässlich des 175. Unternehmensjubiläums im Jahr 2010 gegründet.

Während die journalistische Praxis und das Handwerkszeug für Journalismus im Internet im Mittelpunkt der ersten Präsenzphase in Hamburg standen, beschäftigen die Fellows sich in der zweiten Präsenzphase mit den Grundlagen des Video-Journalismus. Neben intensiven Unterrichtsstunden stehen für sie zahlreiche andere spannende Ereignisse auf dem Stundenplan: Sie treffen mit Studenten der RTL-Journalistenschule zusammen, sprechen mit RTL-Korrespondenten, besuchen RTL Interactive und die Deutsche Welle in Bonn.

Zusammen mit Werner Eggert, Direktor der Intajour, Leonhard Ottinger, Leiter der RTL-Journalistenschule, und Winnie von Wilmsdorff, Erster Kameramann bei RTL und Dozent an der Journalistenschule, begrüßt Peter Kloeppel die zwölf Fellows, sechs Frauen und sechs Männer, die alle aus unterschiedlichen Ländern angereist sind.

Nach einer Einführung über die Mediengruppe RTL Deutschland und die RTL-Journalistenschule möchte Peter Kloeppel mehr über die zwölf jungen Talente erfahren, die ihm gegenüber sitzen, denn auch für ihn ist es eine besondere Erfahrung, sich mit Journalisten aus solch unterschiedlichen Ländern austauschen zu können. Als Erste stellt sich Alia Turki Al-Rabeo vor. Die 27-Jährige kommt aus Syrien, lebt in Damaskus. Als Peter Kloeppel sie fragt, wie die momentane Situation in ihrer Heimatstadt sei, antwortet sie: „Es ist schlimmer, als man sich vorstellen kann, dort herrscht Krieg.“ In diesem Moment wird allen Anwesenden auf eindringliche Weise bewusst, unter welch schwierigen Bedingungen Journalisten in den Heimatländern der Fellows teilweise arbeiten müssen.

Diese schwierigen Arbeitsbedingungen waren für die zwölf jungen Leute die wichtigste Motivation, sich für Intajour zu bewerben. Sie, die aus Ländern kommen, in denen die Pressefreiheit zum Teil stark eingeschränkt und bedroht ist, möchten mehr erfahren über die Arbeitsbedingungen von Journalisten in Deutschland, über die ethischen Richtlinien der Journalisten hierzulande.

Dass sie alle zwar schon viel wissen und können, aber gerne noch mehr lernen möchten, zeigt sich in der Fragerunde. Die Vertreter von RTL nehmen sich Zeit, um ausgiebig auf die teilweise sehr spezifischen Fragen der Fellows einzugehen. So möchte Rehab Abd Almohsen aus Ägypten von Peter Kloeppel wissen, ob und wann er als Nachrichtensprecher Gefühle zeige. „Unter den Nachrichtensprechern in Deutschland gilt die Philosophie, Nachrichten objektiv zu präsentieren“, erklärt Peter Kloeppel, „das Wichtigste dabei ist aber immer, menschlich zu bleiben.“ Dass ihm das manchmal schwer falle, gesteht er, als er auf Daniel Akwasi Aforo aus Ghana antwortet, der nach Peter Kloeppels Gefühlen am 11. September 2001 fragt. „Es gibt Tage, auf die man sich kaum vorbereiten kann“, versucht der RTL-Chef diesen Tag zu beschreiben.

Wie sehr die Fellows die Situation der Journalisten in ihren Heimatländern beschäftigt, wird daran deutlich, dass sie immer wieder Fragen nach der Situation für die Journalisten in Deutschland stellen, um für sich Vergleiche ziehen zu können. So möchten sie von Leonhard Ottinger wissen, wie es in Deutschland um die Berufsgruppe der Journalisten stehe, ob es schwer sei, einen Job zu finden, und ob sich in diesem Berufsstand die Krise bemerkbar gemacht habe oder gar noch mache. Ja, es gebe auch in dieser Sparte die Folgen der Krise zu spüren, aber es gebe auch viele positive Gegenbeispiele, wie die Absolventen der RTL-Journalistenschule, von denen jeder nach seiner Ausbildung einen Job finde, antwortet Leonhard Ottinger.

Die aktuellen Probleme in ihren Heimatländern lassen die Fellows in Köln nicht los. Wie in Deutschland über die Unruhen in Syrien beziehungsweise in den arabischen Ländern insgesamt informiert werde, möchte Alia Turki Al-Rabeo wissen. Es sei sehr schwierig, über das Geschehen in Syrien zu berichten, erklärt Peter Kloeppel, aber die Journalisten würden versuchen, im Rahmen ihrer Möglichkeiten ausgiebig zu recherchieren. Das Thema Arabische Revolution bestimme auch in Deutschland seit Monaten die Nachrichten.

Bei der anschließenden Führung durch das Studio von RTL mit Andreas Fleuter, Bereichsleiter Produktion, beweisen die zwölf Fellows, dass sie sich auch für die technischen Abläufe hinter der Kamera interessieren. Neugierig schauen sie sich das Archiv und den Regieraum an und lassen sich die verschiedenen Geräte erklären. Besonders beeindruckt sie das hochmoderne Fernsehstudio, und nacheinander lassen sie sich an der Stelle fotografieren, an der Peter Kloeppel Abend für Abend die Nachrichten präsentiert.

Carlos Roberto Fonseca aus Nicaragua gibt zu, dass es an einigen spannenden Tagen in Deutschland schwer falle, sich auf den Unterricht zu konzentrieren. „Diese deutsche Disziplin ist neu für mich“, lacht er. Aber natürlich weiß der 29-Jährige, dass Intajour für ihn eine große Chance ist. Viel von dem Gelernten konnte er in seiner Funktion als Dozent an der „University of Central America‘s Communication Department“ bereits anwenden, insbesondere das Wissen über digitale Medien. Als besonders einprägsames Erlebnis sind Carlos Roberto Fonseca die Gespräche mit Redakteuren von „Geo“ und vom „Stern“ im vergangenen Herbst bei G+J in Hamburg in Erinnerung geblieben. „Einige von ihnen haben schon so viel erlebt und konnten uns viel mitgeben.“

Mindestens genauso lehrreich wie der Unterricht ist für ihn der Austausch mit den anderen Fellows. Die Möglichkeit, mit solch unterschiedlichen Menschen aus anderen Ländern, Kulturkreisen und Religionen zusammenzusein, sei eine einzigartige Erfahrung, sagt er. Manchmal vermeiden die Fellows absichtlich politische Diskussionen, erzählen sie, beispielsweise reden sie in diesen Tagen nur ungern über das Veto Chinas gegen die Syrien-Resolution der UN. Manche Themen sind ihnen dann doch zu heikel, gerade wenn jemand persönlich betroffen ist – wie Alia Turki Al-Rabeo aus Syrien.

Auch die 28-jährige Ludmila Bogheanu konnte viele Dinge, die sie in der ersten Präsenzphase gelernt hatte, in ihrem Heimatland Moldawien bereits anwenden. „Ich bin jetzt so etwas wie eine Expertin für Internet-Layout-Themen in Moldawien“, freut sie sich. Sie arbeitet zuhause ebenfalls als Dozentin, an der „Chisnau School of Advanced Journalism“, einer Institution, die für „freien und qualitativ hochwertigen Journalismus“ eintritt. Dort können nun einige Projekte, die früher aufgrund mangelnder Erfahrung der Dozenten nicht umgesetzt werden konnten, verwirklicht werden, wie beispielsweise Video-Arbeiten. Neben den Dozenten seien die anderen Fellows eine wichtige Lernquelle, sagt Ludmila Bogheanu. So nutzten die Fellows jede Pause, um sich über ihre Arbeit auszutauschen, beispielsweise über ihre Erfahrungen mit Facebook. Einige von ihnen gingen eher unbeschwert mit dem Medium um, posteten Fotos von ihrem Aufenthalt in Deutschland, so Krishna Prasad Acharay aus Nepal. Andere dagegen seien vorsichtig und hielten ihr Profil sehr restriktiv, wie Rehab Abd Almohsen. Für die 29-Jährige ist Facebook vor allem ein Medium, um politische Ziele zu erreichen. Während der Arabischen Revolution setzte sie das soziale Netzwerk bewusst ein, um das Geschehen in Ägypten redaktionell zu begleiten.

Wichtig ist für Ludmila Bogheanu aber auch ein anderer Aspekt: „Im August haben wir uns in Hamburg noch als Fremde getroffen, hier in Köln treffen wir uns jetzt als Freunde.“ Columbus Mavhunga aus Zimbabwe fügt hinzu: „Ich habe bei Intajour erstmals muslimische Menschen kennengelernt, das ist eine spannende Erfahrung für mich.“

Auch wird an diesem Tag in Köln immer wieder deutlich, dass die sechs jungen Frauen und Männer in ihren Ländern zwar bereits viel gelernt haben, es ihnen aber oft an professioneller Unterstützung fehlt. So freuen sich alle besonders über die Anwesenheit von Kameramann Winnie von Wilmsdorff. „Ich habe noch nie in meinem Leben einen richtigen Kameramann kennengelernt“, erzählt Oleg Shynkarenko, „ich hoffe, ich kann viel von ihm lernen.“ Und wie auch die anderen RTL-Vertreter freut sich Winnie von Wilmsdorff auf die Zeit mit den Fellows und nimmt sich ausreichend Zeit, ihnen technische Abläufe anhand seiner Kamera zu erklären. „Mit jemandem zu arbeiten, der so viel Erfahrung hat wie er, ist beeindruckend. Wir haben bereits einige Filme produziert, und ich merke schon jetzt, wie ich sicherer werde im Umgang mit der Kamera“, sagt Carlos Roberto Fonseca. 

Ein weiteres Highlight für die zwölf Fellows findet bereits am ersten Tag bei RTL statt: Sie dürfen während der Live-Sendung von „RTL aktuell“ im Studio bleiben und Peter Kloeppel und Ulrike van der Groeben bei der Arbeit zusehen. Während der Sendung herrscht absolute Stille im Studio, und auch wenn sie nichts verstehen können, hören die zwölf gespannt zu und verfolgen jeden Beitrag ganz genau. Nach der Sendung nimmt Peter Kloeppel sich erneut Zeit für die Fragen der Fellows. Ihre Fragen offenbaren, mit welch anderem Blick sie die Nachrichten sehen. Das, was für uns aus europäischer Sicht selbstverständlich erscheint, ist für viele von ihnen alles andere als das. So möchte Ludmila Bogheanu beispielsweise wissen, wieso die internationalen Themen gleich zu Beginn der Sendung kommen. In Moldawien würden diese Themen erst am Ende der Nachrichten gebracht werden. Die anderen Fellows stimmen ihr zu und hören interessiert der Antwort von Peter Kloeppel zu. „In Deutschland beschäftigten diese Themen die Menschen sehr, insbesondere weil sie ja auch mit uns zu tun haben, wie beispielsweise die Griechenland-Krise.“

Fatoumala Nabie Fofana aus Liberia möchte wissen, wie man während einer Live-Sendung mit Aufregung umgeht, und ist überrascht, als Peter Kloeppel erklärt, dass man die Aufregung irgendwann vergesse und die Moderation zur Routine werde.

Zur Routine wird für die Fellows inzwischen auch die Intajour-Arbeit. Nach dem Auftakt in Hamburg blieben sie online über verschiedene E-Learning-Angebote miteinander im Austausch. „In der E-Learning-Phase vertiefen die Fellows das in vorhergehenden Präsenzphase erworbene Wissen“, sagt Intajour-Direktor Werner Eggert. „Die Fellows übertragen ihre neuen Kenntnisse unter unserer Anleitung auf die Arbeitszusammenhänge in ihrer Heimat.“

Im Juni werden sie anlässlich der dritten und letzten Präsenzphase wieder nach Deutschland kommen – dann geht es nach Berlin. Darüber, dass die Intajour-Zeit für sie dann schon zu Ende geht, möchten sie jetzt noch nicht nachdenken. Gayane Mirzogan aus Armenien sagt: „Schon jetzt haben wir hier viel gelernt, fachlich genauso wie menschlich. Durch Intajour können wir uns während unserer Arbeit international austauschen, beispielsweise auf unseren Blogs, daran werden wir auch nach dem Programm unbeirrt festhalten.“

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