„Stern“ startet Aktion „Familien in Not“

Das G+J-Magazin „Stern“ startet mit seiner aktuellen Ausgabe eine Hilfsaktion, bei der in Deutschland Patenschaften für Familien vermittelt werden, die in Not geraten sind. Die G+J-Mitarbeiterzeitschrift „Grüner Dienst“ sprach mit den Initiatoren: „Stern“-Reporter Uli Hauser und Nicole Willnow von Stiftung Stern über „Familien in Not“.

Wie ist die Idee zu der Aktion entstanden?

Uli Hauser: Ich habe schon in den beiden vergangenen Jahren vor Weihnachten über Kinderarmut geschrieben. Kinder haben erzählt, was sie bedrückt und was sie sich wünschen. Dabei ist klar geworden: Kinderarmut ist Familienarmut, es kann den Mädchen und Jungen nur besser gehen, wenn den Familien insgesamt geholfen wird.

Nicole Willnow: Wir hatten bei der Stiftung Stern schon häufig Anfragen, ob es möglich ist, auch in Deutschland Familien in Not im Rahmen einer Patenschaft finanziell zu unterstützen. Wir haben dann recherchiert und festgestellt, dass es überregional bisher nur die Möglichkeit von aktiven Familienpatenschaften gibt, bei der Zeit zur Verfügung gestellt wird. Eine kontinuierliche Unterstützung mit Geld gibt es nicht. Dabei haben immer mehr Familien Schwierigkeiten, finanziell über die Runden zu kommen.

Uli Hauser: Dass es nicht nur in der sogenannten Dritten Welt, sondern zunehmend auch in Deutschland Armut gibt, wurde bisher zu wenig berücksichtigt. Früher konnten Eltern in schwierigen Situationen auf die Hilfe im Familienverband zurückgreifen oder sich gegenseitig in der Nachbarschaft unterstützen. Heute ist das aus vielerlei Gründen immer seltener möglich. Mit der steigenden Zahl der Single-Haushalte sinkt gleichzeitig das Verständnis dafür, welche Herausforderung die Erziehung von Kindern bedeutet. Experten sprechen von einer kinderentwöhnten Gesellschaft. Eltern haben heute aber immer mehr finanzielle Belastungen zu tragen, allein wenn man daran denkt, was Schulbücher kosten, Klassenfahrten oder die Kitabetreuung. Wer da nicht mithalten kann, ist außen vor, und die Leidtragenden sind die Kinder.

Nicole Willnow: Und das gilt nicht nur für Hartz-IV-Empfänger, sondern auch für die sogenannten Working Poor – Familien, bei denen trotz Arbeit das Geld kaum zum Leben reicht. Jeder von uns kennt solche Eltern, die rackern sich ab, und es bleibt trotzdem nichts übrig.

Wird das Patenprojekt von Stiftung Stern in Eigenregie organisiert?

Nicole Willnow: Nein, wir arbeiten mit der Organisation wellcome zusammen, die in ganz Deutschland in über 100 Städten vertreten ist und 1.500 ehrenamtliche Mitarbeiter hat. Rose Volz-Schmidt, die Gründerin der Organisation, war nach der Geburt ihrer Zwillinge selbst auf Unterstützung angewiesen und hat später wellcome gegründet, um Familien mit Neugeborenen unter die Arme zu greifen. Die wellcome-Helfer haben es immer mehr mit Familien zu tun, bei denen das Einkommen vorn und hinten nicht reicht.

Welchen Familien soll vorrangig geholfen werden?

Nicole Willnow: Unser Partner wellcome hat bereits Kontakt mit vielen Familien, die finanzielle Unterstützung brauchen. Und ich werde in Zukunft entsprechende Anfragen, die ich bisher von der Stiftung Stern aus nicht berücksichtigen konnte, an wellcome weiterleiten. Wir haben uns vorgenommen, mindestens 100 Familienpatenschaften zu vermitteln, vielleicht werden es mehr, das wissen wir noch nicht.

Uli Hauser: Wir wollen nicht einfach Spenden verteilen, sondern mit den Eltern prüfen, wie das Geld am besten eingesetzt werden kann.

Wie sieht so eine Patenschaft konkret aus?

Nicole Willnow: Die Spende sollte mindestens 30 Euro im Monat betragen, der Pate sich mindestens für ein Jahr festlegen. Wir werden ihm nach einer Weile mitteilen, welche Familie von ihm unterstützt wird. Bei der Vermittlung suchen wir zunächst in derselben Region, denn grundsätzlich ist auch die Möglichkeit angedacht, dass sich Eltern und Paten persönlich kennenlernen können, wenn alle damit einverstanden sind. Wir dürfen nicht vergessen, dass sich einige Familien schämen, um Hilfe zu bitten.

Wie ist die Idee zu der Aktion in der „Stern“-Redaktion aufgenommen worden?

Uli Hauser: Gut, weil viele Kollegen auch Eltern sind und wissen, worum es geht. Es gibt einige, die spontan gesagt haben, sie würden gern selbst eine Patenschaft übernehmen. Beim Thema Armut rücken die Probleme näher, und es besteht das Bedürfnis, da auch hinzusehen und anzupacken.

Stiftung Stern hat auch für andere vom „Stern“ unterstützte Projekte die Organisation übernommen. Leidet die Spendenbereitschaft unter der Wirtschaftskrise?

Nicole Willnow: Ja, wie viele Hilfsorganisationen spüren auch wir das und betreuen zurzeit weniger Projekte mit geringeren Spendensummen. Wir denken aber, dass sich dies im kommenden Jahr wieder ändert.

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