Bertelsmann-Patenschaften: ein Jahr nach dem Tsunami

Kapilan ist drei Jahre alt. An seinen Vater kann sich der Junge heute nicht mehr erinnern, denn wie Zehntausende Menschen starb auch der Fischer Thangadura am 26. Dezember 2004, als die Wellen des Tsunami die Küsten seiner indischen Heimat überrollten. So wie Kapilan erging es auch der fünfjährigen Lakshmi, der siebenjährigen Vinotha, der elfjährigen Saranya oder dem 14-jährigen Kuppuraj, so wie ihnen erging es Tausenden von Kindern in den vom Tsunami betroffenen Regionen Südostasiens. Jedes der Kinder hat unter der Riesenwelle und deren Auswirkungen gelitten. Sie haben Eltern oder Verwandte verloren, oder sie stammen aus Familien, deren wirtschaftliche Lebenssituation sich durch die Flut derart verschlechtert hat, dass sie allein nicht mehr in der Lage sind, für ihre Kinder zu sorgen.

Dass diese Kinder trotzdem ein Dach über dem Kopf haben, dass sie vernünftig gekleidet, gut ernährt und medizinisch versorgt sind, verdanken sie den Soforthilfemaßnahmen, für die Menschen weltweit zu Beginn des vergangenen Jahres großzügig gespendet haben. Doch dafür, dass sie mit Zuversicht in die Zukunft blicken können, dass ihre Unterkunft, Versorgung und Bildung auch dann noch langfristig gesichert sind, wenn längst andere Katastrophen die Schlagzeilen beherrschen, dafür sorgen die Spenden, die die Bertelsmann AG, ihre Firmen und Mitarbeiter bereitgestellt haben.

Bereits wenige Tage nach der Flutkatastrophe hatte die Bertelsmann AG eine Million Euro zugunsten der Hilfsorganisation SOS-Kinderdörfer bereitgestellt. Die anschließende Spendenaktion brachte dann noch einmal den stolzen Betrag von rund 200.000 Euro seitens der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Deutschland, den USA, Großbritannien, Spanien, Chile, Mexiko, Italien, Japan, den Niederlanden und Österreich ein. Geld, das dann von Bertelsmann noch einmal verdoppelt wurde. Insgesamt landeten also 1,4 Millionen Euro auf dem extra von Bertelsmann eingerichteten Hilfsfonds- Konto. „Unsere Mitarbeiter haben eindrucksvoll bewiesen, wie weit ihr Engagement und ihr Verantwortungsbewusstsein reichen: Nicht nur Bertelsmann, seine Bereiche und Firmen haben angesichts der Katastrophe, die der Tsunami in Südostasien angerichtet hat, beeindruckende Solidarität mit den Menschen in Not gezeigt, sondern auch viele, viele einzelne Mitarbeiter", erklärt Gunter Thielen. Schon damals zeichnete sich ab, dass dank der weltweiten Hilfsbereitschaft zwar viel Geld für die Soforthilfe zur Verfügung stehen würde, dass aber die weitere Versorgung der Betroffenen, vor allem der Kinder, sehr viel ungewisser sein würde. Bertelsmann hatte sich deshalb dazu entschieden, den Kindern mit einer Bertelsmann-Patenschaft langfristig, über einen Zeitraum von wenigstens zehn Jahren, zu helfen. Mittlerweile sind die Namen von rund 100 indischen Kindern bekannt – Kindern wie Kapilan, Lakshmi, Vinotha, Saranya oder Kuppuraj, deren Betreuung in einem SOS-Kinderdorf durch die Behörden genehmigt wurde und die dort künftig mithilfe der Bertelsmann-Patenschaften versorgt werden.

Die SOS-Kinderdörfer begrüßen aus ihrer Erfahrung heraus ausdrücklich die Haltung von Bertelsmann. „Je länger ein Unglück zurückliegt, desto schwieriger ist es, Helfer für die Opfer zu finden. Denn längst hat sich das öffentliche Interesse neuen Themen zugewandt. Die SOS-Kinderdörfer freuen sich deshalb ganz besonders, dass Bertelsmann für die Not leidenden Menschen in Südasien langfristige Hilfe zugesagt hat", erklärt Helmut Kutin, Präsident der weltweiten SOS-Kinderdörfer.

Ursprünglich sollten die Bertelsmann-Patenschaften vor allem den Kindern im SOS-Kinderdorf in Pondicherry zugute kommen, das sich zurzeit im Aufbau befindet. Doch in Absprache mit den SOS-Kinderdörfern hat sich Bertelsmann jetzt dazu entschlossen, auch Kinder in den ebenfalls stark betroffenen Gebieten Indonesiens und Sri Lankas mit Patenschaften zu unterstützen. Genau wie in Pondicherry sollen auch hier SOS-Kinderdörfer entstehen; allerdings, so die Erfahrung der Hilfsorganisation, gestaltet sich die Planung hier noch sehr schwierig. Eine Einschätzung, die Günter Dresrüsse, Bereichsleiter Asien bei der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), teilt: „Das Problem sind ja nicht nur die Gebäude oder die Straßen, die in den betroffenen Gebieten neu errichtet werden müssen. Das Problem liegt auch bei der öffentlichen Verwaltung vor Ort, die ja ebenfalls durch den Tsunami schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde." Angestellte seien Opfer der Flut geworden, zahlreiche Dokumente und natürlich auch die Infrastruktur der Verwaltung seien ebenfalls zerstört worden. Hinzu komme noch, dass die Verwaltungen plötzlich mit Budgets in zuvor ungeahnten Höhen umgehen sollten. Hier gelte es ebenfalls Aufbauarbeit zu leisten.

„Nach den Erfahrungen der GTZ wird es rund fünf Jahre dauern, bis Verwaltung und Infrastruktur in den betroffenen Gebieten wieder hergestellt sind", so die Prognose von Günter Dresrüsse. Zudem legten die Verwaltungen in Indien, Indonesien oder auch Sri Lanka bei der Zuweisung der Kinder an Institutionen wie die SOS-Kinderdörfer besonders viel Sorgfalt an den Tag. Schließlich gehe es darum sicherzustellen, dass es wirklich keine Verwandten mehr gebe, die die Kinder aufnehmen könnten. Erst wenn dies zweifelsfrei feststehe, wenn auch die notwendigen Formalitäten erledigt seien, könnten weitere Kinder aus der staatlichen Obhut entlassen und an Patenschaftsprogramme übergeben werden. Und so wird es wohl noch einige Zeit dauern, bis wirklich alle Bertelsmann-Patenschaften vergeben werden können. Aber, und da lassen weder Bertelsmann noch die SOS-Kinderdörfer irgendwelche Zweifel aufkommen, vergeben werden sie.

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