Jugendinitiative Step 21 überreicht „Weiße Flecken“-Zeitung an Bundespräsident Köhler

„In Lüneburg ermordeten Nazi-Ärzte Kinder", „Enteignung in Oberhausen: Das Kaufhaus Tietz", „Knochenbrüche und Unterernährung. Das Lager Rollwald in Nieder-Roden" – Schlagzeilen wie diese wären in der Zeit des Nationalsozialismus undenkbar gewesen, dokumentieren sie schließlich die Verbrechen des NS-Regimes. Doch diese Schlagzeilen spiegeln nur einige der historischen Geschehnisse wider, die 80 Jugendliche aus Deutschland und Polen bei intensiven Recherchen in ihrer Heimat aufgespürt haben. Initiiert wurde die Spurensuche durch das Projekt „Weiße Flecken" der von Bertelsmann unterstützten Jugendinitiative Step 21. Die Ergebnisse des Erinnerungsprojekts sind nun schwarz auf weiß in der „Weiße Flecken-Zeitung" nachzulesen. Das in gemeinsamer Redaktionsarbeit erstellte Blatt überreichten die 15 jungen Rechercheteams am Montag, wenige Tage vor dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, während einer feierlichen Abschlussveranstaltung in der Berliner Bertelsmann-Repräsentanz Unter den Linden 1 an Bundespräsident Horst Köhler. „Unser Projekt macht geschichtsbewusstes Denken in der Spanne zwischen Erinnerung und Vorwärtsblicken möglich. Der Verantwortung, die sich für uns aus der deutschen Geschichte ergibt, können wir uns nicht entziehen. Man muss in den Rückspiegel schauen, um die Spur wechseln zu können", heißt es in dem Leitartikel der „Weiße Flecken"-Zeitung, die mit ihren Berichten, Reportagen und Zeitzeugen-Interviews zu Themen wie Zwangsarbeit, Pogromnacht, Euthanasie, Untergrundpresse, Widerstandsgruppen, Arisierung und Gefangenenlager Lücken in der Berichterstattung der seinerzeit von den Nationalsozialisten gelenkten und kontrollierten Presse füllt.  Erster Leser des Erinnerungswerks war Bundespräsident Horst Köhler, der als Schirmherr der gemeinnützigen Jugendinitiative Step 21 gemeinsam mit seiner Frau Eva Luise zu dem Festakt kam. „Ich fühle mich geehrt, das erste Zeitungsexemplar entgegennehmen zu können. Hier stecken unheimlich viele Informationen drin, und ich bin sehr froh, dass die nicht mehr verloren gehen", erklärte Köhler. Mit großer Freude sei er nach seinen Vorgängern Roman Herzog und Johannes Rau Schirmherr der Jugendinitiative geworden. Diese leiste einen überzeugenden Beitrag bei der „Suche nach Formen des Erinnerns, die in die Zukunft weisen". Hier betrieben junge Menschen „mit großem Ernst und Engagement" die Auseinandersetzung mit der Geschichte. Seit 1998 hat Step 21 Bildungsangebote und Projekte mit mehr als 200.000 Jugendlichen in mehr als 6.000 Schulen initiiert, um demokratische Grundwerte wie Toleranz, Verantwortung und Zivilcourage zu fördern. In ihrer Begrüßungsrede erklärte die Initiatorin von Step 21, Sonja Lahnstein, deren Familie unter der NS-Herrschaft verfolgt wurde: „Wir Deutschen haben besonderen Grund, uns immer wieder mit unserer Geschichte zu beschäftigen. Und wer könnte uns dabei besser helfen als junge Menschen, die es wissen wollen, die Fragen stellen, die bereit sind, sich zu engagieren und die erfahren, wie unentbehrlich es ist, für unsere Werte frühzeitig einzustehen." So haben die 15 Forscherteams aus 14 Städten in Archiven von Ulm über Dresden bis Krakau Zeitungsmaterial durchforstet, Einblicke in alte Dokumente und Geschichtsbücher genommen oder auch Friedhöfe sowie Gedenkstätten besucht. Dabei erkannten sie rasch, wie sehr die damalige Presse Träger der NS-Propaganda war, wie verzerrt und verschleiert manche Ereignisse dargestellt wurden. „Ich werde von jetzt an wohl auch die heutige Presse mit einem kritischeren Blick lesen. Man kann nicht jede Nachricht überprüfen, aber man sollte vergleichen und aufmerksam sein", zog Ann-Christin Heinig vom Team Dresden ein persönliches Fazit aus der Beschäftigung mit lokalen Medien im so genannten „Dritten Reich".  Im „Steinauer Kreis und Stadtblatt" wurde 1940 nach Recherchen des Lubiner Teams beispielsweise die Verschleppung polnischer Bürger zur Zwangsarbeit schönfärberisch als „Mobilisierung außerdeutscher Arbeitskräfte" umgedeutet. Und nicht eine einzige Zeile konnte das Lüneburger Team in der lokalen Presse der Zeit über die Euthanasie-Verbrechen finden, die im heutigen Landeskrankenhaus begangen wurden. Erst durch ein Zeitzeugen-Gespräch mit der Schwester eines der Opfer gelang es dem sechsköpfigen Team vom örtlichen Gymnasium, Licht ins Dunkel zu bringen. So wie auch andere Gruppen viel anhand persönlicher Geschichten von Betroffenen vor Ort herausfinden konnten.  Für die meisten Teilnehmer zählen diese Gespräche mit Zeitzeugen nach eigener Einschätzung zu den wertvollsten Erfahrungen, die sie aus dem Projekt mitgenommen haben. „Wir konnten ins Detail gehen, lernten die Gesichter hinter den Geschichten kennen und wurden umso mehr von den einzelnen Schicksalen berührt. Wir hoffen, dass noch viele Jugendliche den Kontakt zu Zeitzeugen suchen. Denn jetzt ist die letzte Möglichkeit dazu", erklärte das Lubiner Team, das sich mit der ehemaligen polnischen Zwangsarbeiterin Katarzyna Jach unterhalten hat.  Doch bei all den schrecklichen Erinnerungen, die in den Zeitzeugeninterviews mehr und mehr ans Tageslicht kamen, hat keines der Teams Hass oder Misstrauen der Opfer gegenüber den Deutschen verspürt. Vielmehr habe ein großer Gesprächsbedarf auf beiden Seiten bestanden. So wie er auch bei der gemeinsamen Redaktionssitzung der Teams in Hamburg zwischen deutschen und polnischen Jugendlichen erkennbar war. Die Ausweitung des Projekts auf das Nachbarland Polen, das besonders unter der deutschen Besatzung gelitten hat, sollte gezielt zu einem Austausch zwischen den Enkeln der Kriegsgeneration führen, den Blickwinkel auf die Zeit des Nationalsozialismus erweitern und gegenseitige Kenntnisse vertiefen.  Nicht zuletzt die unbefangene Begegnung zwischen jungen Polen und jungen Deutschen stimmte den Bundespräsidenten Horst Köhler in der an die Präsentation angeschlossenen Diskussionsrunde mit dem „Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo optimistisch für ein einiges Europa im Kampf gegen aufkeimenden Rechtsradikalismus. „Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus sind nicht aus Deutschland verschwunden. Doch die Jugendlichen gehen aufeinander zu, sind wach und interessiert. Und sie engagieren sich, zum Beispiel über die Medien. Das macht Mut für die Zukunft", so das Fazit Köhlers.

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