Demografischer Wandel: Bertelsmann Stiftung fordert Umdenken in betrieblicher Gesundheitspolitik – Vorbildliche Bertelsmann-Unternehmenskultur
Die Tatsachen sprechen für sich: Im Jahr 2050 wird der Bevölkerungsanteil in der EU der über 65 Jahre alten Menschen von heute 17 auf 30 Prozent angestiegen sein, während gleichzeitig der Anteil der unter 24-Jährigen von 30 auf 23 Prozent gesunken sein wird. In Deutschland werden im Jahr 2020 die über 50-jährigen Arbeitnehmer mehr als ein Drittel der Erwerbstätigen stellen. „Politik und Wirtschaft müssen sich endlich den demografischen Herausforderungen stellen", forderte Liz Mohn am vergangenen Freitag auf einer Konferenz des Netzwerkes „Enterprise for Health" in der Berliner Bertelsmann-Repräsentanz Unter den Linden 1. Die Veränderungen in der Altersstruktur erforderten nicht nur einen Wandel in der Unternehmenskultur. „Auch die betriebliche Gesundheitspolitik muss sich schon heute auf diese Entwicklung einstellen", so die stellvertretende Vorsitzende des Vorstandes der Bertelsmann Stiftung.
Die Stiftung hatte vor fünf Jahren zusammen mit dem Bundesverband der Betriebskrankenkassen (BKK) das Netzwerk „Enterprise for Health" ins Leben gerufen. Ziel ist die Entwicklung einer partnerschaftlichen Unternehmenskultur und einer modernen Gesundheitspolitik. 19 Unternehmen aus 13 europäischen Ländern, darunter neben Bertelsmann VW, Ford, Shell, E.ON Ruhrgas und MTU, haben sich inzwischen der Initiative angeschlossen. Den Vorsitz hat die frühere Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth übernommen.
Als zukunftsweisend lobte der Vizepräsident der Europäischen Kommission und Kommissar für Industrie- und Unternehmenspolitik, Günter Verheugen, das Netzwerk: „Gesundheit und Qualität der Arbeit sind in den älter werdenden, wissensbasierten Gesellschaften Voraussetzungen für wirtschaftlichen Erfolg", so Verheugen. „Europas Unternehmen werden dauerhaft nur dann erfolgreich bleiben, wenn sie schneller, flexibler, lernfähiger und innovativer sind als ihre Konkurrenten in anderen Teilen der Welt." Gerade Deutschland habe hier Nachholbedarf. Denn während nach Angaben von Karl-Dieter Voß, Vorstand beim BKK-Bundesvorstand, in der Schweiz oder in Schweden mehr als 60 Prozent der 55- bis 64-Jährigen erwerbstätig sind, liegt diese Zahl hierzulande lediglich bei 38 Prozent. Dies könne schon bald zu einem Wettbewerbsnachteil werden, denn mit der bislang praktizierten frühzeitigen Verrentung älterer Arbeitnehmer in Deutschland drohe ein dramatischer Verlust an Erfahrung und Wissen, der durch Nachwuchskräfte nicht mehr ausgeglichen werden könne. In diesem Zusammenhang betonte Rita Süßmuth die Bedeutung einer mitarbeiterorientierten Unternehmenskultur, die zusammen mit einem umfassenden betrieblichen Gesundheitsmanagement die Basis bilde für ein Organisationsklima, das die Einbeziehung älterer Menschen in den Arbeitsprozess fördere: „Gesundheit und Unternehmenskultur hängen wechselseitig voneinander ab."
In dem Netzwerk sollen internationale, in der Praxis bewährte Ansätze zur Gesundheitsvorsorge und -förderung analysiert werden, die die teilnehmenden Unternehmen dann für sich nutzen können. Bertelsmann stehe nach Worten von Franz Netta, Leiter Sozialpolitik, mit seiner partnerschaftlichen Unternehmenskultur als Vorbild in vielerlei Beziehung da: „Wir haben den Gedanken der Mitarbeitermotivation durch umfangreiche Entfaltungsmöglichkeiten auf der einen und Förderung der individuellen Potenziale auf der anderen Seite schon früh aufgegriffen und im Unternehmensalltag implementiert", so Netta. Wie richtig dieser Ansatz gewesen sei, habe die erste weltweite Mitarbeiterbefragung – in ihrer Art nach übereinstimmender Meinung der am Netzwerk beteiligten Unternehmen einzigartig – vor drei Jahren bewiesen. "Diese bewährte Unternehmenskultur ist die beste Voraussetzung für weitere Maßnahmen, um älteren Mitarbeiter im Arbeitsprozess zu halten und sie darin noch besser zu integrieren", sagte Netta. Die Bertelsmann-Strategie zur Bewältigung des demographischen Wandels würden unter anderem auch der Vorstandvorsitzende und der Konzernarbeitskreis "Mensch und Gesundheit" auf der Jahressitzung des Arbeitskreises am 26. Oktober diskutieren.
Nach Worten von Liz Mohn besitzen Unternehmen eine besondere Fürsorgepflicht für ihre Mitarbeiter. „Für die betriebliche Gesundheitspolitik bedeutet dies, dass wir eine Fortschreibung der Ziele und Instrumente brauchen – wir brauchen eine Vision für eine humane und produktive Arbeitswelt." Im Einzelnen forderte sie, Vorsorge- und Aufklärungsprogramme stärker auf Prävention auszurichten, Mitarbeiter intensiver in die Gestaltung von Arbeits- und Entscheidungsprozessen einzubeziehen, das betriebliche Gesundheitswesen fächerübergreifend mit Ärzten und Gesundheitsakteuren in der Region zu vernetzen sowie Mitarbeiter und Unternehmen Anreize zu eigenverantwortlichem, gesundheitsförderndem Handeln zu geben.
Das Ausmaß, in dem Unternehmen, Versicherte und das Gesundheitssystem als Ganzes von derartigen Maßnahmen profitieren könnten, ist nach Angaben von Klaus-Dieter Voß erheblich: „Der BKK-Bundesverband schätzt, dass rund ein Drittel der insgesamt 15 Milliarden Euro an Kosten, die der Sozialversicherung jährlich durch die Behandlung arbeitsbedingter Erkrankungen entstehen, durch Prävention eingespart werden könnten." Hinzu kämen indirekte Kosten in Höhe von mindestens 13 Milliarden Euro, die bei den Unternehmen zum Beispiel durch Produktionsausfälle anfielen.
„Es ist meine Überzeugung, dass wir in diesem Netzwerk das Potenzial für die Entwicklung der Instrumente für eine zukünftige Arbeitswelt besitzen", schloss Liz Mohn. „Denn unabhängig von Unternehmensgröße, Branche oder Kultur besitzen die Unternehmen durch die Übernahme von Verantwortung Vorbildcharakter – sie sind Teil einer aktiven, lebendigen Bürgergesellschaft. Durch diese partnerschaftliche Zusammenarbeit wird es gelingen, Innovation und Wachstum und damit Beschäftigung und Wohlstand nicht nur in ihren Ländern, sondern auch in Europa zu sichern."

