„Weiße Flecken“: Mit Hilfe der Jugendinitiative Step 21 forschen Schüler über die NS-Zeit
Kazimierz Walec wirkt wie ein gemütlicher älterer Herr, ein Christus-Bild hängt über dem Sofa, auf dem er sitzt. Das, wovon er den polnischen Schülerinnen Agniezka und Klaudia berichtet, passt so gar nicht dazu: Während Polen von den Deutschen besetzt war, lebte er als Partisan in den Wäldern und war unter anderem an einem Sprengstoffanschlag auf einen Waffentransport der Wehrmacht beteiligt. Über das Gespräch mit dem Zeitzeugen im Rahmen ihrer Recherchen zum Thema „Partisanenleben und -kämpfe“ schreiben die beiden Mädchen aus dem polnischen Ciezkowice im Internetforum von Step 21. Sie nennen sich „Das Entdeckerteam“ und nehmen am Projekt „Weiße Flecken“ teil, das die gemeinnützige und von Bertelsmann unterstützte Jugendinitiative ins Leben gerufen hat.
In dem Projekt erforschen 15 Schülerteams, davon drei aus Polen, was während der NS-Zeit in ihrer Umgebung geschah – und worüber in den damaligen Lokalzeitungen nur verfälscht oder gar nicht berichtet wurde. Es ist ihre Absicht, diese „weißen Flecken“ der Geschichte zu füllen. Seit dem Frühjahr dieses Jahres durchstöbern sie darum die Archive ihrer Heimatstädte und befragen Zeitzeugen, um dann alle gewonnenen Informationen auf je einer Zeitungsseite zu bündeln. „Diese Zeitung“, so berichtet Kirsten Pörschke von Step 21, „wird zum größten Teil in deutscher Sprache erscheinen; die Seiten der drei polnischen Teams und die Einführung sind zweisprachig.“ Weiter erzählt sie, dass die Jugendlichen, die durch ihre Lehrer oder Schülerzeitungen auf das Projekt der „weißen Flecken“ aufmerksam gemacht worden waren, mit großem Ernst und viel Einsatzbereitschaft bei der Sache seien: „Um Zeitzeugen aufzufinden, veröffentlichen sie zum Beispiel Aufrufe in den jeweiligen Lokalzeitungen und fragen in Seniorenheimen nach.“
Solch eine Gruppe ist auch „Mementote Scelerum!“ (Gedenkt der Verbrechen!) aus Ulm. Die fünf Schüler haben lange über ein mögliches Thema nachgedacht. Dann erwies es sich als nützlich, dass die Teamleiterin, die 16-jährige Sarah Manz, in der nahen KZ-Gedenkstätte Oberer Kuhberg Führungen gibt. Der Leiter der Gedenkstätte traf sich mit „Mementote Scelerum!“, und „das Gespräch mit Silvester Lechner katapultierte uns meilenweit nach vorne“, sagt Arek Blaszczyk. „Macht etwas über die Scholls!“, riet Lechner. Die Geschichte der Geschwister Hans und Sophie Scholl schien der Gruppe nicht eben ein „weißer Fleck“ zu sein, aber Lechner meinte etwas anderes: nämlich die weniger bekannte Sippenhaft und die Diskriminierung, unter der die Familie Scholl nach der Hinrichtung der Mitglieder der „Weißen Rose“ litt. Damals hetzte das „Ulmer Tagblatt“ zum Beispiel unter der Überschrift „Wie lange noch, Scholl?“ gegen Robert Scholl. Da die Ulmer die Verurteilung von Hans und Sophie nicht nachvollziehen konnten, versuchte die Zeitung, den Missmut gegen den Vater umzulenken: Er habe seine Kinder auf den falschen Weg gebracht.
Doch Silvester Lechner konnte den Schülern nicht nur Hilfestellung bei der Themenwahl geben, er stellte auch den Kontakt zu einer besonderen Zeitzeugin her: Elisabeth Hartnagel. Die heute 85-Jährige ist das letzte überlebende Kind der Familie Scholl und die Witwe von Fritz Hartnagel, dem früheren Freund von Sophie. In der vergangenen Woche fand das Interview statt. Die ganze Wohnung stecke voller Bücher und Papiere über die „Weiße Rose“, erzählt Arek, und Sarah fügt hinzu, dass Elisabeth Hartnagel nicht damit einverstanden sei, wie ihre Geschwister verehrt werden. Sie verstehe nicht, warum man immer die beiden herauspicke und so viele andere Widerständler vernachlässige, erzählte die alte Dame der 16-Jährigen. Dies deckt sich mit ihren früheren Äußerungen: In einem anderen Interview wird sie zitiert, dass man Hans und Sophie nicht als Helden betrachten solle, weil das eine Entschuldigung für die anderen sei. „Jeder kann dann sagen, zum Helden bin ich nicht geboren, das kann ich nicht – dabei wäre es doch möglich gewesen, nicht nur im stillen Kämmerlein gegen Hitler zu sein.“
Mit dem bislang zusammengetragenen Material werden sich die 15 Schülergruppen im September auf den Weg nach Hamburg machen, um es den anderen in einer großen Redaktionskonferenz vorzustellen. Das wird auch das erste Mal sein, dass sich etwa das „Entdeckerteam“ und „Mementote Scelerum!“ persönlich kennenlernen. Die Öffentlichkeit bekommt die Zeitung schließlich dann zu Gesicht, wenn sie ganz und gar fertig ist. In Anwesenheit von Bundespräsident Horst Köhler, dem Schirmherren von Step 21, wird sie im Januar 2006 in Berlin vorgestellt.

