„Wie wirksam war die Perestroika?“ – Bertelsmann-Auszubildende diskutieren mit Michail Gorbatschow und Richard von Weizsäcker

„Wie wirksam war die Perestroika?“, „Wie schätzen Sie die heutige Situation ein?“ „Würden Sie die gleichen Entscheidungen wieder treffen?“ Diese und andere Fragen stellten junge Deutsche und Russen in der vergangenen Woche dem früheren sowjetischen Staatspräsidenten Michail Gorbatschow und dem ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker auf dem Petersberg in Bonn. Anlass war das Jubiläum der Perestroika, die, vor 20 Jahren als Reform von Gorbatschow eingeführt, das Ende des kalten Krieges einläutete. Unter den 20 jungen Gästen, die der Einladung des Petersburger Dialoges und des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) gefolgt waren, befanden sich auch drei Mitglieder der Jugend- und Auszubildendenvertretung der Bertelsmann AG aus Gütersloh. 

Arvato hatte es als Mitglied des Deutsch-russischen Forums und Unterstützer des Petersburger Dialoges ermöglicht, dass Ramona Woop, Jona Armborst und Daniela Fischer mit Gorbatschow und Weizsäcker an einem Tisch Platz nehmen durften, um über die historische Bedeutung der Perestroika für die deutsch-russischen Beziehungen zu diskutieren. „Es war ein sehr beeindruckendes Erlebnis“, beschreibt Daniela Fischer ihre Eindrücke. „Gorbatschow war sehr herzlich und sehr unkompliziert. Ich hatte das Gefühl, dass ich ihn alles fragen konnte.“ Nach intensiver Einarbeitung in die geschichtlichen Hintergründe brannten den Bertelsmann-Auszubildenden schließlich so einige Fragen auf den Nägeln. Doch dann überließen sie bei der Diskussion, die von ARD-Chefredakteur Thomas Roth geleitet und auf Phoenix und im WDR 3 übertragen wurde, vor allem den russischen Jugendlichen das Wort. „Die sind noch viel emotionaler an das Thema gebunden als wir“, berichtet Jona Armborst. „Viele persönliche Erfahrungen, auch ihrer Eltern, haben sich in ihren Fragen widergespiegelt. Für uns war es sehr interessant, ihre Sichtweisen kennen zu lernen.“ 

Der Großteil der jungen Russen, die sehr gut Deutsch sprachen, habe in erster Linie Dankbarkeit für Michail Gorbatschows politischen Kurs empfunden. So auch die russische DAAD-Stipendiatin Svetlana Upir, die froh ist, nun im Ausland studieren zu können. Die drei Bertelsmann-Auszubildenden haben die 25-Jährige, die derzeit in Kiel Jura studiert, bereits am Abend zuvor im Gustav-Stresemann Institut kennen gelernt und sich intensiv über die Situation in ihren jeweiligen Ländern und deren Beziehungen zueinander ausgetauscht. „Svetlana hat uns viel über Moskau erzählt. Auch zum Beispiel, dass die Kriminalität dort weitaus niedriger ist als von uns Deutschen oftmals angenommen“, erzählt Jona Armborst.   

Was die konkrete Umsetzung der Perestroika in Russland betrifft, gab es von den Jugendlichen auf der Veranstaltung auch einige kritische Anmerkungen, denen Michail Gorbatschow mit viel Verständnis begegnete. Bei den „taktischen Zielen“, so habe der Politiker nach Angaben der Bertelsmann-Azubis eingeräumt, würde er heute einiges verändern. Dennoch habe er sich überzeugt gezeigt, dass seine Entscheidung für den Umbau des Systems für Freiheit und Demokratie „strategisch“ richtig war. 

Thorsten Strauß, Sprecher der Arvato AG, die als Sponsor der Veranstaltung auftrat, unterstreicht vor allem die integrative Bedeutung von Gorbatschows Politik: „Ich denke, dass wir dankbar für die Perestroika sein dürfen. Besonders für die Entwicklung der Beziehungen zwischen den Ländern waren Gorbatschows Reformen ein großer Erfolg. Sie trugen maßgeblich zur Entspannung zwischen Ost und West bei und ermöglichen heute zwischen Deutschland und Russland nicht nur den wirtschaftlichen Austausch, sondern auch den politischen und kulturellen Dialog“, so Strauß. Gerne habe der Unternehmensbereich, der sich unter der Leitung von Hartmut Ostrowski seit Jahren mit Projekten für die Förderung der deutsch-russischen Beziehungen einsetzt, zu der Jubiläumsveranstaltung beigetragen. Hier bekam Michail Gorbatschow auch die Ehrendoktorwürde durch die Rechtswissenschaftliche Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster verliehen. „Die Länder sind sich in ihrer Geschichte sehr nah“, sagt Thorsten Strauß. „Da ist es vor allem schön zu sehen, wenn sich auf so einer Veranstaltung die jungen Leute der unterschiedlichen Kulturen begegnen und zueinander finden.“ 

Die drei Auszubildenden von Bertelsmann möchten diese neu gewonnen Kontakte auch zukünftig erweitern. Neben einem Autogramm von Gorbatschow brachten Ramona Woop, Jona Armborst und Daniela Fischer auch die E-Mail-Adresse von Svetlana Upir zurück nach Gütersloh. 

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