Netzwerktreffen der Reinhard Mohn Fellows: Überleben in einer globalisierten Welt

Eine Milliarde Menschen leben in Armut, 2,4 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Ein wesentlicher Grund für diese erschreckenden Zahlen ist nach Ansicht von Peter Eigen, dem Chairman der in rund 100 Ländern aktiven und 2002 mit dem Carl-Bertelsmann-Preis ausgezeichneten Organisation Transparency International (TI), die Korruption in Wirtschaft und Politik – als eine Folge der zunehmenden Globalisierung. Wie sich die negativen Auswirkungen der zusammenwachsenden Welt bekämpfen lassen, darüber diskutierten am vergangenen Dienstag Peter Eigen und die frühere Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth mit denen, die sozialer Benachteiligung in ihrem Land den Kampf angesagt haben: den Mitgliedern des aktuellen Reinhard-Mohn-Fellowship-Jahrgangs. In der ersten „Netzwerkveranstaltung“ Unter den Linden 1 warfen die Fellows damit einen Blick über das Unternehmen hinaus, in dem sie seit dem 1. September 2004 für ihr eigenes soziales Projekt Erfahrungen sammeln.

„Die Fellows sollen im Laufe ihres Jahres bei Bertelsmann Gelegenheit bekommen, ihr persönliches Netzwerk zu erweitern“, erklärt Anette Bickmeyer, Leiterin des Reinhard-Mohn-Fellowship-Programms, die Hintergründe der Veranstaltung, in deren Rahmen die Fellows zunächst von Martin Kotthaus vom Auswärtigen Amt über das „Deutschlandbild im Ausland“ informiert wurden. „Wir möchten ihnen die Chance geben, mit Persönlichkeiten in Kontakt zu treten, die das zivilgesellschaftliche Engagement der Fellows nicht nur verstehen, sondern inspirieren und fördern. Auch nach Ablauf des Fellowship-Jahres werden die Teilnehmer auf diese Kontakte zurückgreifen können.“ Am Abend trafen sie zum Beispiel unter anderem noch mit Maritta von Bieberstein Koch-Weser, Chief Executive Officer des „Global Exchange for Social Investment“ (GEXSI), zusammen. Die Organisation hat sich zum Ziel gesetzt, Investoren und Sozialunternehmer stärker in Armutsbekämpfung und Umweltstrategien einzubinden.

Sowohl Rita Süßmuth, die die Teilnehmer bereits als Mitglied der Auswahljury des Reinhard-Mohn-Fellowship-Programms kennen gelernt hatte, als auch Peter Eigen lobten das Engagement der Fellows für die Gesellschaft. „Es ist wundervoll, Sie wiederzusehen“, sagte Rita Süßmuth, „in Ihnen steckt so viel Energie, so viel Begeisterung, die unsere Welt so dringend braucht.“ Es sei eine unglaubliche Chance für jedes Unternehmen, Menschen von außen für eine Weile zu Gast zu haben, die neue Eindrücke und Ideen einbringen könnten. Dies gelte im Übrigen nicht nur für Unternehmen, sondern auch für die Gesellschaft, fügte Süßmuth hinzu – und war bei dem Thema angekommen, mit dem sie sich in ihrer politischen Arbeit ausführlich beschäftigt und worüber sie sich mit den Reinhard-Mohn-Fellows in Berlin austauschen wollte: der Migration von Menschen. „Migration ist ein weltweites Phänomen“, sagte die frühere Bundestagspräsidentin. In vielen Staaten stehe die Bevölkerung Einwanderern und Flüchtlingen skeptisch gegenüber. Hier gelte es, einerseits den Menschen deutlich zu machen, welchen wirtschaftlichen, aber auch kulturellen Vorteil sie durch Zuwanderung hätten. „In Deutschland wurden zum Beispiel von Immigranten schon Millionen von Jobs geschaffen – anders als die öffentliche Meinung zum Teil glaubt, sind sie also in Summe keine Belastung für das Sozialsystem, sondern das genaue Gegenteil.“ Auf der anderen Seite müssten am sinnvollsten international gültige, transparente Regelungen geschaffen werden, die die Migration legalisierten, wie Erfahrungen in Kanada und Australien gezeigt hätten.

Erfahrungen ganz besonderer Art hatte Peter Eigen in aller Welt gemacht, bevor er 1993 Transparency International gründete. Bei der Weltbank hatte er die Ohnmacht der Institution gegenüber der Korruption gerade in den Ländern erlebt, denen sie helfen sollte beim Aufbau ihrer Wirtschaft. Jetzt setzt sich Transparency International – inzwischen mit Unterstützung der Weltbank sowie der UNO – als unabhängige Organisation weltweit dafür ein, diese Korruption zu bekämpfen.

„Nationale Regierungen allein sind nicht mehr in der Lage, auf alle wirtschaftlichen und sozialen Prozesse in ihrem Land Einfluss zu nehmen“, sagte Eigen. Um der mit diesem Machtverlust einhergehenden internationalen Korruption entgegenzuwirken, sei eine Kooperation von Regierungen mit der Wirtschaft und engagierten Bürgern dringend geboten. „Die Globalisierung kann nicht gestoppt werden, aber sie kann gesteuert werden, wenn sich die Menschen einmischen und sie zu gestalten versuchen“, so Peter Eigen. Es sei nicht hinzunehmen, dass aus potenziell wohlhabenden Ländern wie Mexiko, Nigeria oder Argentinien Staaten mit großen sozialen Problemen geworden seien, weil Korruption sie zerstört habe. „Dieses Schicksal droht der ganzen Welt, wenn wir nichts dagegen unternehmen“, machte der TI-Gründer deutlich.

Die Reinhard-Mohn-Fellows zeigten sich beeindruckt von der Offenheit und Deutlichkeit, mit der die beiden prominenten Persönlichkeiten die Hintergründe für problematische Entwicklungen in vielen Ländern der Erde – darunter zum Teil auch ihre eigenen – offen legten. Sie berichteten von    persönlichen Erfahrungen aus ihrer Heimat, die sie dazu bewegt hatten, ein eigenes Projekt auf die Beine zu stellen mit dem Ziel, bedürftigen Menschen Unterstützung anzubieten. Konkret interessierte sie, wie Transparency International für Transparenz innerhalb der eigenen Organisation sorge, wie sie sich ihrerseits kontrollieren lasse. „Auch Zivilgesellschaften müssen professioneller werden“, bestätigte Peter Eigen, auch sie müssten, wie TI es handhabe, ihre Legitimität nachweisen, indem sie beispielsweise Verhaltenscodizes aufstellten und publizierten, um sich öffentlich daran messen zu lassen.

„Wie wir in einer globalisierten Welt frei, sicher und ausreichend versorgt zusammenleben können, ist die wichtigste Frage der Zukunft“, resümierte Rita Süßmuth. Dafür bedürfe es begeisterungsfähiger junger Menschen, wie die Fellows es seien. „Umso mehr freue ich mich zu hören, dass Bertelsmann das Reinhard-Mohn-Fellowship-Programm weiter fortsetzen wird,“ lobte die Wissenschaftlerin und ehemalige Bundestagspräsidentin.

Weitersagen