Gunter Thielen in der „Zeit“: „Nichts ist so wichtig wie die Mitarbeiter“
In einem Gastbeitrag für die renommierte Wochenzeitung „Die Zeit“ bezieht Gunter Thielen Stellung im Rahmen der aktuellen Kapitalismusdebatte in Deutschland. Er appelliert für eine Philosophie der Partnerschaft in jedem einzelnen Unternehmen und räumt dem Mitarbeiter mit Blick auf den Unternehmenserfolg eine Schlüsselstellung ein. Wörtlich schreibt er: „Nichts ist für einen Unternehmer so wichtig wie seine Mitarbeiter“. Lesen Sie hier den vollständigen Beitrag des Vorstandsvorsitzenden der Bertelsmann AG im Wortlaut:
Gastbeitrag Gunter Thielen in der „Zeit“
„Die Zeit“, 13. Mai 2005
Mitarbeiter - unsere wichtigsten Partner
Von Gunter Thielen
Deutschland ist besser als sein Ruf. Und zwar so viel besser, dass es eine Diskussion auf dem Niveau der aktuellen Kapitalismusdebatte weder verdient noch nötig hat.
Im Herzen des wachsenden, chancenreichen Wirtschaftsraumes Europa gelegen, weiß der Exportweltmeister herausragende Spitzenunternehmer in seinen Reihen, hat erstklassig ausgebildete Mitarbeiter mit einem Fachwissen, das seinesgleichen sucht, und verfügt über eine hoch entwickelte Infrastruktur sowie Produkte von Weltrang. Deutschland hat alle Voraussetzungen für nachhaltiges Wachstum, das auch in Zukunft eine soziale Sicherheit garantieren wird, von der alle Seiten im Wirtschafts- und Gesellschaftsleben profitieren werden.
Das ist Deutschlands Potenzial. Doch die Stimmung ist eine andere. Das Land und seine Menschen sind mutlos, das Lamento scheint allgegenwärtig. Weder brauchen wir Unternehmer oder Politiker, die dieses Land schlecht reden, noch Menschen oder Mitarbeiter, die sich in diesem Land schlecht behandelt fühlen. Genauso wenig bedarf der Standort Deutschland einer Diskussion wie der gegenwärtigen, die sich in gegenseitigen Schuldzuweisungen erschöpft. Den Konflikt zwischen Kapital und Arbeit als zentrale Erklärung für die Probleme zu benutzen, geht angesichts der differenzierten globalen Wirtschaftsverhältnisse mehr denn je an der Realität vorbei.
Sicherlich hat sich die Wirtschaftswelt in kurzer Zeit radikal gewandelt, und allen Akteuren sind die alten Handlungsrahmen und Regeln verloren gegangen, während neue Spielregeln und Leitbilder fehlen. Sicherlich stellen auch die Arbeitskosten in Deutschland nach wie vor ein großes Problem dar - nicht in erster Linie ihre Höhe, sondern vor allem ihre mangelnde Flexibilität. Mögen Lohnnebenkosten in einer bestimmten Höhe in dieser Branche oder jener Region berechtigt sein, so werden sie - in derselben Höhe - woanders zu einer (er-)drückenden Last.
Auch dann allerdings bleibt es sozial und ökonomisch unvertretbar, mit dem massenhaften Abbau von Stellen oder mit ihrer Verlagerung ins Ausland zu drohen. Dieses Verhalten gibt es leider, es ist aber nicht die Regel: Vielmehr bemüht sich der allergrößte Teil der deutschen Unternehmer nach Kräften, Arbeitsplätze zu schaffen oder zu erhalten. Damit sie dabei erfolgreich bleiben, müssen wir in einen Prozess eintreten, der die Arbeitskosten hierzulande in einem vertretbaren Maße flexibler macht und gegebenenfalls senkt. Eben dieses richtige Maß jedoch lässt sich nur in kleinen Einheiten finden und aushandeln - mithin in den Unternehmen.
Um diesen Prozess anzustoßen und zu einem Erfolg zu führen, plädiere ich für eine Philosophie der Partnerschaft in jedem einzelnen Unternehmen.
Die beiden Partner, die Stakeholder, sind der Unternehmer auf der einen, die Mitarbeiter auf der anderen Seite. Beide treten von ganz unterschiedlichen Ausgangsbasen aus in die Partnerschaft ein. Da ist einerseits der Unternehmer im Zielkonflikt einer nie da gewesenen Vielzahl divergierender Interessen - der Gesellschafter, Aktionäre, Kunden, Wettbewerber, Politik und Gesellschaft. Da ist andererseits der Mitarbeiter, der wie selten zuvor um die Sicherheit seines Arbeitsplatzes bangt, dessen Verlust ihm die Existenzgrundlage rauben würde. Beide Seiten agieren in einem von der Globalisierung ungemein verschärften Wettbewerb. Nur ein Unternehmen, das sich darin behauptet, kann den Mitarbeitern sichere und interessante Arbeitsplätze bieten, den Kapitalgebern eine angemessene Verzinsung - und der Gesellschaft den erwarteten Leistungsbeitrag.
Der Unternehmer muss wissen, dass im dargestellten Zielkonflikt nichts so wichtig ist wie seine Mitarbeiter. Sie sind die Garanten des unternehmerischen Erfolgs, sie sind seine entscheidenden Stakeholder. Bloß können verunsicherte Mitarbeiter einer solchen Rolle kaum gerecht werden. Wir brauchen vielmehr Mitarbeiter, die motiviert und engagiert sind, sich einbringen und das Unternehmen - ihr Unternehmen! - voranbringen.
Dafür kann das Unternehmen selbst eine Menge tun. Es muss Mitarbeitern Sicherheit und Freiraum zugleich verschaffen und ihnen Verantwortung übertragen, dann entwickeln sie sich zu einer unerschöpflichen Kraftquelle. Ziel ist kein sozialromantischer Dauerkonsens, sondern ein offener, fairer Wettbewerb um die besten Ideen und Innovationen.
Das ist die Basis für die Motivation der Mitarbeiter und damit für den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens. Flankiert von regelmäßigen Mitarbeiterbefragungen, freiwilligen Sozialleistungen oder Garantien für die Sicherheit eines Standortes ist es entscheidend, die Mitarbeiter am Gewinn zu beteiligen. Natürlich gilt das Prinzip der Partnerschaft auch in wirtschaftlich angespannter Lage. Wenn der Unternehmer dann die Verantwortung schultert, müssen die Mitarbeiter bereit sein zu Verzicht, zu Mehrarbeit, zu Lohnkürzungen. Und machen wir uns nichts vor: An vielen Stellen wäre dies angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Verfassung unseres Landes das Gebot der Stunde. Führt dieser Verzicht dann wieder zum Erfolg, muss der Mitarbeiter daran teilhaben, nach zuvor festgelegten Regeln, die ihm die Chance geben, sogar mehr zurückzubekommen, als er gegeben hat.
Letztlich bedeutet dies nichts anderes als eine Flexibilisierung eines Lohnanteils. Die langjährige Erfahrung von Bertelsmann damit ist bestens.
Eine so verstandene Partnerschaft, die in einigen Unternehmen bereits still und erfolgreich gelebt wird, kann international zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil für den Wirtschaftsstandort Deutschland werden. Vielleicht sogar nicht nur für den Wirtschaftstandort. Das Modell einer am gemeinsamen Erfolg orientierten Partnerschaft, die sich der Suche nach den besten Lösungen verschreibt, kann auf Politik und Gesellschaft insgesamt ausstrahlen.

